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I N 11 A L T.
8«iM
lllid. Sccib. I)r«>p. Voll Jacdi Oriniin 1
Cber MoiKpilli. Von Karl Hart«rh 7
I)<^« Teufeln Netz. Von Kran/ rf«Mff«>r 21
Über Oarel Toni Miiliendi-ii Thal. Vi ii I. V. /iii(E<*rlo 23
ÜbiT |;oniiai)isrhi' l*iT>onfUiiainrii. .'). 4. Ti. V<>ii Franz Stark 41. 120
Zu den alt(l>'UtKchi-ii <H'v|ir;i< li>'n. Vmh Jari.h Tiriinni 48
Nibelungen, Bruchstück \i. V<>n A<l<lf llultzniann . 51
Die gei^tlirhcii I.iliHii. V< n ll«>tfniann vim Kallcr^lrht-n 66
Cber fiottfrird von Stra*«liurK. V>-ii Kran/ Pffifft-r 59
Wulfrnni T<in K sehen hach und (.'hr«-oiien«> de 'Vt"\*s. V<>n Alfrrd Uncbat . 81
Kath der Narhticall. V<n I.ud«i^' Thlnnd ... ... 129
Ilio aii'l. l*r.i-tiriia. Vin Jar<-Ii «irinini. 147
Orr d»'iii«riit' ln«>trunii'ntali*>. V^n livin «»-llien 151
I.iedrr ll«'r7"K^ Jnn I. \<>u lirabani. Von llutfuiann ron Kallerftlvben 154
>tab«t Mati'r in doiisrh*'. Vi n h*in«»-nien 161
Die Nibeluii)Een^a)(e V< n Mav Kir^^^r. ... 163
Die dank*>ari'n Tedton und di^r ijutt- (Erhard. Vun Uiinhi.'ld Kühler 199
Hfr \V.>in«cfavil|{. V«.n TI.H 1 >r Vt-rnalrkcn 210
AngeUachii^rliP <fl"«««'n. V- n Mdftni.mn rrm Kal|pr>U'bon 221
Spnichi' dfOt>cht-r My^^iikf^r. \' n hranz rffiffi*r 225
K"nrm<l r.n WiirrUirit au^ Wiir/l>uri; -dt r uuh Kaopl ' V> n Wilhelm Wackernaf^el 257
Tber ein g^-i^tln'h'-- *^riiaii<>|iit'l lU* \V. Jalirhund»Tt«>. Vnn Karl Üart*>rb .... 267
l'l'er ({«■nnani«rhi- i*ir«< ni-nnamen 'i—N. V--n Kranz .*^iark . 297
/u lleinncli r..n M->rune*'n Vi-n Karl Ha rt^cii 304
Mt'i«iiTge*.ln|[>- •!>•« X\'. .l.ilirliunitiTi< V<iii A<i It M It/mann 308
S|irachlu-hi' l.rlaut*rung> n /u lifin «"H K llart<>' h hrrau »gegebenen ftedichte .die Er-
l<->«ung- V..I, Ir.l. r H-ih . 328
Hnirh'inrk** aiiv Iwein und d»m anuvn lli'inncl. V .ti Vr. rffifler 338
Kleine Mitthcilungon. Von Jo^t^ph Pioni ^r .... ... 351
Deuuche Predigte ntvürfe au« drni XIII. Jahrhundert. Von Demkelbon .... 361
KotgegnoDg. Von Knnc Pfeiffi'r ... 367
Pnamebi. Von Moric Kodier 368
17 INHALT.
Seite
Beiträge cor KenntniBS der QaantitAtsTerb<iiisge der ThÜriogischen Mundart im XV.
Jahrhundert Von Reinhold Bechstein 335
Zwei Gesprftche zwischen Seele und Leib. Von Max Hie ger 39G
Predigtmftriein. Von Franz Pfeiffer 407
WoUhun Ton Eschenbach und Guiot Ton Provins. Von SanMarte (A. Schulz) . . 445
Die Pntger Handschrift der Erlösung. Von Job. Kelle 465
üoseiieL Von Franz Pfeiffer 480
LITTERATUR.
Reeensionen:
Van den Vos Reiaaerde, door Jonckbloet Von A. Holtzmann 121
Th. O. T. Karajan , zwei bisher unbekannte deutsche Sprachdenkmale aus heidnischer
Zeit. Von Franz Stark 123
Ferdinand Wolf, über die beiden wiederaufgefundenen niederländischen Volksbücher
Ton der Königin Sibille und tou Huon tou Bordeaux. Von W. L. Holland 244
Dr. Heinr. Rückert« Lohengrin. Von Karl Bartsch . . . , 244
JAg«ibre?ier. Jagdalterthümer: Waidsprüche und Jägerschreie , Jagdkalender, Jäger-
künite und Jägeraberglauben, Jägersagen. Von Heinhold K 0hl er .... 253
Boohholz» Schweizersagen aus dem Aargau IL Von L V. Zingerle 253
Pr. Vonbon, die Sagen Vorarlbergs. Von L V. Zingerle 254
Theodor Temaleken, Alpensagen. Von L V. Zingerle 255
Bitter T. Alpenbnrg, Mythen und Sagen Tirols. VonL V. Zingerle 256
Dr. K. A. Barack, die Werke der Hrotsvitha. Von Karl Bartsch 375
D. Oeoig Wilh. Hopf, Hans Sachs. Von Karl Bartsch 381
C. Sachs, la vie de Sainte Enimie Ton Bertran Ton Marseille. Von Karl Bartsch 353 Kirl Tfif ***»*"" und Moriz Haupt, des Minnesangs Frühling. Von Karl Bartsch und
Frans Pfeiffer 481
II LID. SCELB. DR EP.
Die in Haupts Zeitschrift 5, 194 — 198 eingerückton glossen standen aus derselben Leidener handschritl schon volUtändiger in den symbolis ad lit. teut. ant. p. 362 — .'^82, wnlicr sicli einzehie hätten berichtigen lassen. 7., b. 196* hei.szt es talsoli *n»;j:iis beel vel accJ statt 'bi*el vel aad* symb. 374.
Sehr merkwürdig' ist die ^'Insse Tnrnice scelb vel drep' 196', 8ymb.373 zu einer stelle des Eiisebins, sie ist auch in die Schietstädter sainmlunglS, 7 (5, 342') eingetraj;en , blnsz dasz hier für drep 'dreb' steht fürniro sccip 'francice* und scelf cainarani pa>turun) hat noch Graff 6, 479. 480 aus an- dern glossen, und 'in clida biscilbit' aus glossen /um ripuarischen gesetz, Diut. 1, 342\ die te.\t>tellf müssen wir vor allem aufschlagen.
Sie findet sich im titel de homine furbattudo (al. furbannito), es ist der 72 oder nach andrer /.-ihlun^' 77sto und handelt von unvorsützlicher tödtung eines auf brennender tliat (in flagranti) betretnen menschen: si «jui-n liomi- nem super rebus .suis cninprehendfrit et eum lii^are voluerit aut super uxo- rem seu super filiaui vel Ins .similibus, i>t non praevaluerit ligare, sim] colpus ei excesserit, et euni interf(M*erit , mrani testibus in quadruviu in clida eum levare debet, et sie «juadra^inta seu (juatuordecim noctes custodire et tunc ante judicem in haraho cuujiiret, «juo<l eum de \ita forfactum inter- fecisset.
Das selbe legen oder heben auf die <'lida begegnet ander^iärts im pactus Alamaonorum 2, 34 (Merkel seite 36): .si quis alterius in<:enuam de crimina seu Stria aut herbaria sisit (al. histit) et ip.sam in clida mi^erit et ipsani com doodecim medicus electus (al. medios electos) aut cum spata tracta qui- Übet de parentes adunaverit, DCCC snlidos com)ionat. si ancilla fnerit, quin- decim solidos componatur. si in clida misa non furrit, et prisa et temptata faerit, qoadraginta s«dido.s ron))M»[):it. et si in clida ni>n fuerit, sex solidos solvat et si ipsam vir «-nntra stftt'rit culpabilem, et ille propter quem ei reputator mortuos fuerit, illi «jui tVniinani contra steterit, wiregilduro ejus deftolvat. Hier aber wird keine leiche auf die clida gelv^rt , sondern eine der ZJUiberei beschuldigte lebende freie, in ge;;en\\art d^r verwandten, die das
k!«l*. III. 1
2 JACOB GRIMM
Schwert ziehen und vor zwölf zeugen aus dem mittelstand , medii electi. die absieht kann nur sein, entweder sie zum bekenntnis des Verbrechens zu brin- gen oder zeichen , dasz sie eine hexe sei , an ihrem leib zu finden , denkbar wäre, dasz deshalb ärzte, wenn die lesart medici gelten kann, zugezogen wurden, obgleich die zwölfzahl bedenken macht.*) wahrscheinlich kam im heidenthuro diese an einer freien frau verübte schmachvolle gewaltthat vor, das gesetz untersagt sie bei hoher busze , das alamannische wergejd betrug 160 sol. und erschiene hier verfünffacht, für eine unfreie wurden nur 15 sol. entrichtet, war aber die freie nicht auf die clida gelegt, blosz gefangen ge- nommen und untersucht, so trat busze von 40 sol., ja von 6 sol. ein, wenn die gewaltsame temptatio unterblieb, so wenigstens suche ich mir das in barbarischem stil abgefaszte gesetz deutlich zu machen.
Die dritte gesetzsielle redet , gleich der ersten , von einem erschlagnen, wenn auch nicht in flagranti, es ist auffallend, dasz die älteren angelsächsi- schen gesetze eines brauchs geschweigen, den uns die leges Henrici I. cap. 92, 8 bewahren: si mordrum inveniatur alicubi, conveniat ibi hnndrednm cum praeposito et vicinis, et sive cognoscatur sive non, castodiatar septem diebus super cletam unam elevatus, lignis nocte circum accensis.')
Diese gewohnheiten gelien in hohes alterthnm zurück, wie wir hernach sehen werden, noch weit über Clodovechs capitalare und das ripuarische recht hinauf, um vollends in ihren gehalt einzudringen, ist eine Untersuchung des ausdrucks clida nnerläszlioh.
Seine eigentliche bedeutung lebt im französischen claie , cleie fort , ge- flecht von weiden oder dörnern, prov. cleda, mlat. cleda, clida, zu thüren, bänken, stuhlen und brücken dienend :
perdesotz la tor fetz de cledas nn gran pon. Ferabras 3313. Italienern und Spaniern ist das wort unbekannt, wol aber den Kelten geläufig, ir. gal. cliath corbis, clathrum, a hurdle of wattles, gal. cliath-bharraich cra- tes e betulae viminibus texta, cliathuinneig , ir. cliathfuinneig , podium, bal- con ; w elsch clwyd , armor. kloued. Aus unsem sprachen gehört hierher das altn. hlid ostium, porta, schwed. dän. led, ohne dasz die ursprüngliche be- ziehung auf reisig wach geblieben ist, doch drückt das norwegische lid nach Aasen noch grind = cläthri, cancelli aus. ags. hlid ostium, ceasterhlid ostium castri, exon. 20, 7; ofer heafona gehlido, oVer heavens vaults. 32, 25. ahd. hlit, lit operculum, tegmen, übrig in unserm augenlid, deckel des auges,
') für medii entscheidet minoflidis im cap. Clödovechi (Peits 2, 4 xeile 38).
') hierzu halte man die noch in den anüang des sechsten Jahrh. zurückgehende rerord- nong des capit. ClodoTechi (Pertz leges 2, 4)' de homine inter doas nJlas .occiso: tune Ticini illi in qnomm campo corpus inrentum est, debent facere' bargum quinos pedes in altum et in praesentia judicis ibileTare corpus, dieser bargus, pargus ist wiederum septum ex cratibus quo grex inctuditur , unsw pferch. Ducange s. r. baregum und pargus« ags. pearroc.
HUD. SCELB. DREP. 3
die bedeatung von thür , gitter und reisig haben wir verloren, unmittelbar verwandt allen diesen formen mit kurzem vocal müssen aber die mit langem sein , ags. hlid ^livus , altn. hliä latus montis , ahd. hlita , mhd. lite , goth. hlei])ra axrjvTj, hütte und zusammen flieszen sie aus dem starken verbum ags. hlidan hiad gehliden tegere, alts. hlidan hled gehlidan,' die auch entspre- chende altn. ahd. und goth. erwarten lassen, decken ist zugleich beschatten und die eine seite des bergs, der abhang, die neige, wie die hütte liegen im schatten.
Dasz auch Wörter der classischen sprachen zutreffen leuchtet ein. TcXffi'QoVy TcXetd-Qov gleichcu dem hlei])ra, bedeuten aber gleich dem lat. pl. clathri, clathra oder clatra riegel, gitter und thür, vielleicht ist xlrjO-Qa alnus beizufügen , wenn aus erlenzweigen gitter geflochten wird , xXeCg , clavis wiederum sind riegel, Schlüssel und ruderbank, xXivvg^ clivus, goth. hlaiv, ahd. hleo, abhang, hügel wie hled, hlita, führen jedoch zunächst Skut xX£v€iv , nei- gen, biegen, lat. clinare, ahd. hlinen, nhd. lehnen, wohin auch goth. hlains collis gehört, xXuria ist hütte, xXuriag thür, thorweg; es würde zu weit fuh- ren , hier in die Verwandtschaft von hlidan und clandere , xleCeiv näher ein- zugehn.
Mehr liegt uns an darauf zu achten , dasz im alterthum gitter , thüren, bänke , gerüste , brücken aus zweigen geflochten , nachher erst aus bretern, tafeln , balken gefügt und aufgeschlagen wurden, den pferch unserer hirten flechten noch heute ruthen, den wildpark hegen Stangen und breter. das lat crates, craticula, wie ich anderemal gewiesen habe, entspricht buchstäblich dem goth. haurds d^vqa, wobei man bald nicht mehr ans geflecht dachte,, so wenig als beim ags. hlid ostium an den eigentlichen sinn von clida; das mhd. hurt rogus und engl, hurdle behaupteten ihn besser, bei Verbrennung der leichen musten dörner und reiser nothwendig angewandt werden , die clida, der bargus » worauf der gemordete oder die angeschuldigte Zauberin erhoben wurden, war ein solches geflecht, wenn man auch später breter und balken dazu gebrauchte. Gregor von Tours 7 , 37 fuhrt an plaustra cum arietibus, clitellis et axibus texta, sub quibus exercitus properaret ad destruendos muros. unter fornix wird eine structura curvata et convexa, arcus oder tabulatum, ein gewölbter böge verstanden. Merkel gibt im alamannischen gesetz statt clida oder clita auch die lesart clinata, die sich aus xiXvri^ lectisternium erklären liesze.
Bedeutsam aber mahnt an die clida der gallische scheiterhaufe , wie ihn
Caesar 6, -16 schildert und es ist anzunehmen, dasz damals schon dafür
das keltische wort clith oder clitha im gebrauch war. alii immani magni-
todine simulacra habent, quorum contexta viminibus membra vivis hominibus
complent, quibus succensis circumventi flamma exanimantur homines. sup-
plicio eorum, qui in furto aut in latrocinio aut aliqua noxia sint comprehensi,
gratiora dis immortalibus esse arbitrantur; sed, cum ejus generis copia defe-
1»
4 JACOB GRIMM
cit, etiam ad inDOcentium sapplicia descendnnt. ungeheaern götterbildern wurden hier die dargebrachten opfer auf die mit zweigen durchflochtnen glie- der gelegt und entzündet; als dieser götterdienst aufgehört hatte, behielt das Volk noch die geflochtnen gerüste für den rechtsgebrauch bei, es ist glaub- lich , dasz im heidnischen Ripuarien den über die clida gelegten ermordeten, nachdem er eine Zeitlang gehütet worden war, auf ihr die flamme verzehrte und vielleicht sollte auch unter den Älamannen die vermeinte Zauberin ur- sprünglich verbrannt werden. Noch lange im mittelalter pflegte man misse- thäter und Selbstmörder auf einer clida zum grab zu schleifen.
Der aber,^ ungefähr im neunten Jahrhundert, das ripnarische gesetz glossierte, schrieb zu dem damals schon unverständlichen *in clida levat' die erklärung biscilbit, die auf ein ahd. starkes verbum scSlpan scalp sculpum scolpan leitet,, aus welchem nicht nur das bereits angeführte scelp fomix , sondern auch sculpa gleba und der Ortsname Biuginscelp , wie ich für Bughenscelp im cod. Lauresh. 2597 lese, stammen, piscelpan heiszt ganz richtig auf den fomix, auf die clida legen, wie aber ist das einfache scelpan oder ein unerhörtes goth. ski^ban zu fassen?
Altn. gibt es skialfa skalf, norweg. skjelva skalv, schwed. skälfva skalf, dän. skjälve skjalv, durchgehends mit der bedeutung tremere, beben, ein ags. scylfan vacillare wird von Lye ohne beleg angeführt, dafür jedoch bedeutet scylfe pl. scylfan scamnun, abacus, tabulatum, wie noch engl, shelf, bei Caedmon 79, 4 liest man gescype scylfan on scipes Jbosme, exstrue scamna in navis gremio, ruderbänke, claves, jenes ahd. sculpa könnte so viel als cespes , rasenbank ausdrücken, ferner sind altn. Skelfir und Skilf- ingr alte mythische heldennamen , Skilfingr selbst ein name Odins , aus dem Beovulf bekannt die Scilfingas, die auf einfaches Scilfe zurückgehen; Scilpunc ist ahd. mannsname (Förstemann 1080), in den Nibelungen er- scheinen Schilbunc und Nibelunc nebeneinander, wie folgen alle diese be- nennungen aus der Vorstellung des bebens?
Was nun am meisten überraschst, Odins sitz im himmel, von wo er wie aus einem fenster (jenem cliathfuinneoch) zur erde niederschaut, heiszt in der eddaHlidskialf, denn hier. haben wir beide bisher besprochne gleich- bedeutende Wörter hlid und scelp verbunden zusammen, offenbar im sinn eines sitzes, einer bank, eines gerüstes in den wölken, Biöm gibt zu Hlid- skialf die erklärung porta coeli tren^ens , unterschieden davon ist in einem liede der edda Saem. 246* lidskialf, und 41 steht der name Valaskialf; der gewöhnliche ausdruck für erdbeben lautet iardskialfti oder lahd&kialfti. bei Hlidskialf denkt man auch an die eddische benennung des regenbogens Bif- röst, gleichsam die bebende rast, die bebende brücke, über welche die göt-^ ter steigen , wie eine hängende , geflochtne brücke unter den tritten bebl ; diese Vorstellung ist uns nicht fremd, ein ort unweit Osnabrück, d. i. der Asenbrücke, wo eine brücke über die Hase geschlagen ist, heiszt Quakenbrück,
HLID. SCELB J)REP. 5
bebende brücke, von quaken, ags. cvacian tremere, und vorhin im Fera- bras hatten wir un gran pon fetz de cledas. in dfeser altsächsischen ge- gend, wie die beiden namen Osnabrück und Quakenbrück darthun, mögen Überlieferungen gehaftet haben, die denen von der nordischen Bifröst nahe kommen.
Gleich der schwebenden, schwankenden brücke kann aber auch eine geflochtne bank die bebende heiszen,*) oder eine rasenbank, wenn die von sculpa versuchte deutung annehmbar ist; dem altn. f. skialf würde ein ahd. scelpa entsprechen, wofür auch ein m. oder n. scelp zulässig war. Biugin- scelp, von biugo sinus, convexitas gebildet scheint eine überaus passende örtliche benennung. Schwerer zu deuten fallt es die männlichen namen Scilfe und Scilfing, Scilpi und Scilpunc, Scelfir und Seil fingr, weil uns die mythen entgehen, doch würde Odin als Hlidskialfar gramr (könig der Hlidskialf), wie er ausdrücklich heiszt, füglich den nameo Skilfingr führen. Skelfir, wenn es den vocal e , nicht e hat und zum transitiven skelfa terrere gehört, wäre ein erschreckender, erschütterer; wie gesagt, die fabel dazu, welche alles bestätigen oder anders auslegen würde, mangelt. Doch ge- zeigt zu haben glaube ich, dasz scelp sehr wol fornix übertragen und dabei bebend bedeuten kann.
Übrig ist noch drep, das dritte synonyme wort, zunächst läge der form nach altn. drep ictus, unser nhd. tref, nur will die bedeutung eines Schlags sich kaum einigen mit der von fornix, clida und scelp, es müste eine ältere, sinnliche und sächliche ausgestorben sein, nach G raff 5, 525 besagt trefan für sich schon was unser nhd. übertreffen, prominere, excellere, tref also könnte etwas hervorragendes , eine Wölbung oder ein gerüst bezeichnen« Ich war aber verwundert bei Villemarque auf ein armorisches draf, pl. drefen mit der bedeutung von claie, barriere, guichet zu stoszen, im welschen zeigt sich dref bündle, bündel, folglich anklang an das ags. J^reaf, engl, thrave manipuius, man sagt a thrave of com, ein gebund kornähren. die gaiische, irische spräche bieten nichts ähnliches dar. sowol bündle weist auf bördle, als claie, guichet (engl, wicket) auf clida; ich lasse auszer acht, dasz ein litauisches drebeti beben , zittern dem skialfa begegnen könnte , es liegt allzuweit ab. näher träte zu drep das lat. trabs, franz. tref, balke und Zelt- stange. Ducange s. v. treffa.
In der erwartung , dasz sich vielleicht noch einmal ein ahd. mhd. tref im sinne des ahd. dreh oder drep finden werde, dürfte ich schlieszen; wenn ich ein bisher verworfnes wort 'herstellen kann, hat es sich bereits gefun- den, mir scfa'^int,, dasz Walth. 106, 21 sehr mit' unrecht reife an die
') eben gewahre ich, dasz Lye leider ohne zu -sagen woher anfuhrt scealfingstdl , cathe- dra in qaa rixpsae mulieres sedentes aqais demergebantur, was dem setzen der zauberin auf die clida nahe Uhne.
6 JACOB GRDIM, HLID. SCELB. DREP.
stelle des urkuDdlichen treffe gesetzt worden ist. dasz man nun sagt 'die reife treiben' leugne ich gar nicht und will hier noch einige stellen mehr daf&r beibringen :
der sal man die reiphe triebe mit knnteln auf dem libe.
Stephans stoflieferungen s. 141;
wir wend dir nu die houptreif triben. Mones schausp. 2 , 277 ;
tribent im die houptreif basz. das. 2, 301. nirgends lese ich die reife 'vertreiben', die faszbinder führen ihren triebel zu mancherlei dingen , zu den reifen und zu den dauben. ich vermag aus den bfichern, die ich über das bötticherhandwerk aufschlug, das wort tref, treffe zwar nicht aufzuweisen , es wird verloren gegangen sein , ist aber in jener stelle eines mhd. dichters wirklich vorhanden. *die treffe vertriben* will sagen die faszdauben fügen oder treiben , tref bedeutet tabula, bret, gerade wie hlit oder clida erst gerecht, allmälich nur bret und tafel aus- drückte, doch wie der sinn von fornix und hlit schwankt, dürfte sich auch mit tref irgend ein anderer, uns jetzt unbekannter verbinden.
Lachmann hat die lieder seite 106 — 108 dem Singenberg genommen, welcher sie nach der handschrift dichtete , wie bei der schluszstrophe augen- scheinlich ist. die lieder sind in* Walthers art und weise, nach der sich der trnchsesz von S. Gallen ausbildete, sie stellt Lachmann in sein drittes buch als unzweifelhaft waltherische, während ihm alle lieder seines vierten bnchs zweifelhaft erscheinen, unter welchen doch das schöne letzte s. 124 die deut- lichsten zeichen von Walthers poesie an sich trägt.
Beim wiederlesen der singcnbergischen lieder habe ich einiges wahrge- nommen, was mich glauben macht, dasz auch die s. 106 — 108 Singenberg und nicht Walther gehören. 106, 35 steht *sin selbes man' wie MS. 1, 156* Wn selber frouwe'. Singenberg liebt die adverbia daher, dahin, hinnen hin, so: hinnen hin 149*; al da her 149*; hinnan hin als ouch daher; hinnan dar 152*; von hinnen 156'; das 'da hin daher* Walth. 107, wahrschein- lich auf ein damals übliches gesellschaftsspiel bezüglich, scheint also sin- genbergisch. *als do' 106, 26 steht sonst nicht bei Walther. der politische blick in diesen liedem geht weiter als in dem was wir sonst von Singen- berg kennen, entscheidend wäre, wenn sich die 'treffe* in der Schweiz auf- spüren lieszen.
JACOB GRIMM.
KARL BABTSCH, 0B£B liIDSPILLI.
ÜBER M ü S P I L L I.
▼OK
KARL BARTSCH.
Aus dem Cyclus mythologischer Lieder, den unsere Vorfahren so gut wie ihre nordischen Stammverwandten besessen haben, ist das Denkmal, dessen Besprechung dieser Aufsatz gilt , eines der wichtigsten und umfang- reichsten Bruchstücke. Zwar in christlicher Zeit aufgezeichnet, nicht mit der Scheu vor dem alten Glauben, der den Sammler der nordischen Götterlieder leitete, sondern mit christlichen Ideen durchflochten und untermischt, trägt es trotzdem unverkennbar heidnisches Gepräge. Der Aufzeichner, wer er auch gewesen sei, benutzte, entweder nach der Erinnerung, oder nach ge- schriebener Vorlage Lieder, deren Entstehen weit über seine Zeit zurück reicht. Zeugniss dafür ist zunächst die Sprache. Das Gedicht enthält Worte und Sprachformen ,, die im Althochdeutschen überhaupt sehr selten und im neunten Jahrhundert wenig oder gar nicht mehr üblich waren. Dahin gehören himilzungalon V. 8, das als hirmlzungal himilzungla in Glossen des 8. Jhd. bei Graff 5, 683 vorkommt, siuatago (vgl. gothisch stauastols) V. 109, das nur hier vorkommt, während das Verbum sfu^ öfter begegnet,^) endlich nwspiüi selbst, dessen Deutung noch immer schwankt, V. 1 13.
In grammatischer Beziehung sind zwei höchst merkwürdige Formen hervorzuheben, V. 20 ddzi und V. 27 dart, deren t sich aus dem Bereiche des Althochdeutschen nicht erklären lässt, das aber in den gothischen Formen ihatei und tharei seine Erklärung findet. Wir dürfen demnach die Abfas- suDgszeit der heidnischen Lieder, die dem Muspilli zu Grunde liegen, in die früheste Zeit des Althochdeutschen , wenn nicht noch in die gothische, setzen.
Die Alliteration , die wir in den uns erhaltenen Denkmälern gegen das Ende des 9. Jahrhunderts bereits durch den Reim verdrängt sehen , die aber in der Volkspoesie wohl geraume Zeit länger sich erhielt, ist im Muspilli durchgängig noch angewendet Die Langzeilen haben, wie es im Altsächsi- schen , Angelsächsischen und Altnordischen auch ist , theils drei , theils zwei Stäbe. Daß jedoch die Aufzeichnung des Bruchstückies zu einer Zeit ge- schah, wo bereits das Gefühl für die Alliteration im Erlöschen war, beweisen einerseits einige Langzeilen, in denen sie fehlt^ andererseits das Durch-
*) Das Wort muß mit langem ü, 8tüen , stüadago , geschrieben werden, üa bildet zwei Silben, wie auch V. 39 tüo zweisilbig za nehmen ist.
8 KARL BARTSCH
brechen des Reimes. Beides wird in dem älteren Gedichte nicht vorgekom- men sein, nnd gehört dem Bearbeiter des 9. Jahrh. an. Die Alliteration fehlt V. 26. 26. die pringent sie sär üf in himilo rihM. V. 120. 121. diu marha ist /arprurman, diu sSa st^ pidvungan, V. 157. 158. derme vararU engild uper diö marhä, denn uper zum Hanptstabe zu machen, ist unstatthaft. In den beiden letzten Beispielen sehen wir zugleich das Durchbrechen des Reimes. Schon der In- halt der sechs Zeilen zeigt, daß sie dem älteren Liede nicht angehörten. Auch zwei andere Zeilen mit Reim scheinen der Alliteration zu entbehren, Y. 122. 123.
m weiz mit wiu puoz^: sdr verit si za wtze, wo Wackemagel in der ersten Halbzeile nur einen Stab {id'&) annimmt
Der Reim findet sich neben der Alliteration in folgenden Versen. V. 14. za wederemo herje si gihalot werd^^ wo, wenn man hwederemo liest, ein dritter Stab gewonnen wird. V. 54. 55. wänit sich kinddd diu wSnaga s4ld, V. 72. 73. daz hörtih rahhon die weroltrehtwisan. Y. 155. 156. ddr wirdit diu suona dia nian dar io sagita. Y. 173. 174. denne st^ dar umpi engild menigt, • Darunter sind Yerse, die gewiss alt sind. Lachmann hat den Reim be- reits im: Hildebrandsliede nachgewiesen , aber fraglich ist es doch noch, ob nicht dort wie in den meisten angefühlten Yersen des Muspilli der Reim mehr zufällig als Absicht \st. Die einzigen Yerse , bei denen Ab- sichtlichkeit des Reimes erwiesen ist und die dem 9. Jahrhundert angehören, sind Y. 120—123.
diu marha ist farprunnan, diu s^la st4t pidvungan, ni weiz mit wiü puoz^: sdr verit si za wtze. Das sind in Reim und Yersmaß vollkommen Otfridische Yerse.
Yergleicht man die Yerse des Muspilli mit den nicht viel späteren Ot- irids, so springt der bedeutende Unterschied gleich in die Augen. Die häu- tige Weglassung der Senkungen , das Ruhen der Hebungen auf tieftonigen oder unbetonten Silben, das bei Otfried fast gar nicht mehr vorkommt, ist im Muspilli sogar häufiger, als in dem älteren Hildebrandsliede. Im Allge- meinen steht der Rhythmus dem der eddischen Yerse am nächsten. Am häu- figsten findet sich die Weglassung der Senkungen in der zweiten Halbzeile wie in folgenden Yersen :
Y. 6. 7. enii si den Ithhamun likkan Idzzit, wo Wackernagel likkan zur ersten Hälfte hinüberzieht und vor Idzzit eine Lücke annimmt, allein dann wird die erste Halbzeile überladen, anch eignet sich Idzzit als Hilfsverbum am wenigsten zum Hauptstabe.
23. 24. enÜ si dero engilö eigan wirdit
Ober muspilll 9
31 . 32. denne der man in pardUA pü kiwimut, 90. 91. pidu\ 9cal er in derti wtcsteti wuntpivaUaxu 134. 135. daz der Uuval dar p( kitamit stenüL 145. 146. $6 das himilisca hörn kihlutit ivirdiL 149. 150. denne hevit nh mit imo herjd mei$ta, 1(56 — 168. daz er $tn reht allaz kirahhon muozzi
enti itno aßer tfinAi tdÜn arteilii werdi. 191. 192. niz alftn^a demo khuninge kikhundit werdi* Daza vergleiche man die ebenso gebauten Verse aus dem Hildebrands- liede (nach Wackemagels Lesebuche) :
63, 2. dhat 9ih urh/thm aen6n muoÜn.
65, 1 . cMd was her * * chdnAn mannum,
66, 1. dat du häb^$ hAne hAron gSUn.
66, 13. mi scal mih Bvdsat chind svertu hauwan.
66, 23. der si doch nu argostö SHarlitUS.
67, 1. d6 laettun 9e aerist asckim serttan,
68, 1 . heuumn harmlicco hväH $ciUi,
Liftst sich auch in mehreren Versen des Muspilli durch Umstellung die metrische Unregelmäßigkeit beseitigen, wie V. 135. 146. 166. 16& 192, wenn man das 11 ilfsverbum voranstellt, so bleibt doch noch eine ziemliche Anzahl von Versen Obrig, die keine metrische Berichtigung zulassen , und zwar ist der größte Theil der dem Muspilli entnommenen so gebauten Verse dem <em Liede angehörig. Solche Verse erklärt Lachmann (zum Hilde- brandsliede) für viermal gehobene, in denen die zweite Hebung auf unbetonter Silbe ruht. Allein diese Annahme scheint bei dem häufigen Vorkommen die- ser Unregelmäßigkeit in so kurzen Zwischenräumen sehr bedenklich. Ver- gleicht man das altnordische fomyrdarlag, so wie die angelsächsischen Langzeilen , in denen solche Verse ebensohäufig oder noch häufiger vorkom- men , so wird man ihnen kaum noch vier Hebungen zuerkennen. Holtzmaon (Untersuchungen aber das Nibelungenlied S. 79) hat bemerkt, daß es in dem Wesen des epischen Verses liegt, der ernten llalbzeile ein größeres Gewicht zu geben als der zweiten. Wie in der spätem Nibelungenstrophe die zweite llälile einer Langzeile um eine Hebung verkilrzt wird und nur die vierte l.angzeile der Strophe (nach einem andern Zuge der Strophenbihdung , den Schluß zu verlängern) die urnpröngliche Zahl von acht Hebungen bewahrt, so hchon in der ältesten deutschen Poef ie. Mir scheint es daher kaum fragUeh, daß alle die erwähnten Halbzeilen nur mit drei Hebungen zu lesen sind. Zu den aufgeführten Beispielen ist noch zu rechnen Musp. V. 38
das er kotes tviihm kemo tao^ wo die zweite Halbzeile nur zwei Hebungen zu haben scheint: doch bt, wie ich oben 6chon bemerkte, 62o zu schreiben.
Der umgekehrte Fall, daß die erste Halbzeile um eine Hebung TerkOrzt
10 KARL BARTSCH
ist, während die zweite das richtige Maft vob vier HebungeD hat, ist ungleich seltener.
Musp. 42. pehhes pina, dar ptutit der Satanaz. „ 46« sargen dräto, der sih 8unUgan weiz. „ 104. maor varsvilhit nh, svilizSt lougjü der hxmiL „ 106. mono vaUit, prinnit mitUlagart „ 159. wecJumt deotdj wtaearU ze dinge. Hiidebr. 63, 16 W. f6h^ wortum hver knfaier wärt
67, 3. scarp^ ecurim • dai in dim sciUim et&nL Aach hier haben wir eine Haibzeile, die nur zwei Hebungen zu haben scheint
Musp. 44. heizzan laue, so fnae huckan za diu; es ist aber die vorhergehende Langzeile zu verkürzen und zu theilen pehhes ptndj dar ptutit der Satanaz altist heizzan laue, altist ist Beiwort zu Satandz : Sathanas der uralte. Daß dieses zu der näch- sten Langzeile gezogen wird, findet seine Berechtigung in der Neigung der AUiterationspoesie , einen Begrifi* aus der vorhergehenden Langzeile in der folgenden zu wiederholen , und so eine Verkettung der Langzeilen durch die Alliteration zu bewirken.
Beide Halbzeilen haben nur je drei Hebungen Musp. 40. 41. entiheÜä/uir harto ujist. Abgesehen von diesen Beispielen verkürzter Halbzeilen sind die Verse des Muspilli wie die des Hildebrandsliedes regelmäl^ig , d. h. aus vier Hebungen gebildet. Doch ist die Überlieferung beim Muspilli nicht so treu und zuver- lässig, als beim Hildebrandsliede. Namentlich findet sich eine größere Menge von Flickwörtern, die einerseits die Darstellung schwächen, andererseits das Metrum stören. Besonders auffallend ist dies gegen den Schluß des Bruch- stückes, wo J. Grimm (Germ. 1 , 237) das viermal wiederholte derme be- merkt hat Diese Partikel namentlich ist es , die das Metrum vieler Verse beirrt,
V. 60. s6 [denne] der mahUgo khuninc. V. 64. [denne mj kitar pamo nohhein. V. 181. dar scal [denme] hant sprehJion. V. 199. [<2^fiiie] augit er dia mäsun^ wiewohl hier nicht nothwendig aus metrischen Gründen.
Noch einige Beispiele führe ich an, wo durch Einschiebung überflüssiger Zusätze das Versmaß gestört ist :
V. 20. dazi ist [rehto] virirdth ding. V. 77. [denne] wirdit [untar in] vdk arhapan. V. 100. [so] inprinnant di^pergä, wiewohl hier nicht nothwendig.
Ober iiuspnxL II
V. 1 1 2. [dar] ni mac [detme] mdc andremo.
V. 119. dar man [dar ^o] tnit sin/n mäpan piec In zwei Versen ist das demonstrative Pronomen zu streichen.
V. 185. wai er untar [desen] marmun.
V. 205. dia er durvk \de9e9\ maneunnes. Am häufigsten aber stört der Artikel :
V. 68. ddr scal er vara [demo] Hhhe.
V. 90. indiik scal er in [deru] %aic9teti.
V. 96. daz HAi<i8 in [demo] tvige.
V. 1 13. helfan vcra [demo] muspille, wo lieber, schon der Alliteration wegen (da dem Haoptstabe der Regel nach nur malfyiling vorhergehen darf), omzostellen ist
vora muMpiUe helfan.
163. lS$san mh ar dero Uw6 vazidn, wo zu schreiben sein wird
ISssan 9ih ar liwon,
177. dara guimit ze {deru\ rihtunffo. vielMcht auch
162. fana [deru] moUu ar$t^
191. nii al/ora [demo] khuninpe. Da0 die Tilgung des Artikels zur Berichtigung des Metrums beiträgt, ist, so unbedeutend der Umstand an und fär sich scheinen mag, ein Beweis ftr das hohe Alter des zu Grunde liegenden Gedichtes, indem zur Zeit der Abfas- sung desselben der Gebrauch des Artikels (wie im Gothischen) noch nicht nothwendig war.
Auch au^r diesen metrischen Unrichtigkeiten , die dem Bearbeiter des 9. Jahrfa. zur Last fallen, ist der Text des MuspilU vielfach nachläftig mid schlecht fiberliefert Nach V. 36 ist eine alliterierende Halbzeile aasgefalten, m V. 95 ist, wie. schon das Metrum und die mangebde Alliteration zeigt, em Wort weggeblieben : vermuthlich ist zu lesen
doch wämt de9 vila wUerö poimanmo. Auch V. 138 fehlen einige Silben, die Schmeller ergänzt :
dai der man ^ etUi std upiles ki/rumiia^ die ich aber mit anderer Alliteration lieber ergänzen möchte
daz der man inferahe upHe9 ki/runuUL V. 143 scheint nur Wiederholung der letzten Worte der vorhergehenden Zeile nnd zu streichen: es alliterieren V. 142. 144. V. 178 ist wohl auch ein Wort ausgefallen, das mit rihhmpa alliteriert hätte, oder es ist eine alHte* rationslose Zeile, wie die oben angeführten.
V. 188. 189 schKeftt megi beidemal den Vers, was an sich schon schlep- pend ist. Außerdem aber stört das Hilfsverburo wi*nigsten8 im ersten Verse das Versmaß, daher ist wohl zu lesen
12 KARL BARTSCH
der dar iomht arltitpe, daz er kitame tdtS dehheind. V. 193 flf. sind von J. Grimm (Germania 1, 237) folgendei maßen ergänzt worden
üzzan er iz mit aiamusanu furi Üit rehto enü mit fastan dio firina hiptmzit.
denne der man gipuazit hap4t dermer ze deru missu gigangit^ wirdit denne fori gitragan duz /r6no chruci^ da/r der hMigo Christ ana arhangan ward, denne augit er dio mäsun dio er in deru metmiaki int/tang, dia er dwruh desea mancunnea minna ana sih ginam. Es unterscheiden sich , wie sich aus den Beispielen ergibt , die späteren christlichen Zuthaten des 9. Jahrh. von dem ursprünglichen mythischen Kerne des Liedes oder der Lieder in der Form dadurch, daß die älteren Verse sich im Rhythmus mehr dem nordischen fornyrdarlag nähern, während die jungem nach Weise der Otfridischen Verse gebildet sind, /tfjpii Ich habe bisher nur von der Form, in der uns Muspilli überliefert ist, !ß#i.geliaQ<J6it und den Inhalt unberücksichtigt gelassen. Wenn ich vorher mehr- f^' mals von Liedern gesprochen , die der Aufzeichner des Bruchstückes ent- ;$[:«( weder vor sich oder im Gedächtniss hatte, so will ich nun versuchen, durch C4>. Zerlegung des Gedichtes diese Ansicht zu rechtfertigen. Es ergibt sich bei Jil genauerer Betrachtung , daß das Bruchstück aus zwei oder drei Abschnitten i^*^^ besteht", die in einander geschoben sind. Ohne auf den Anfang, der ohne- r*^dies ja unvollständig ist, Rücksicht zu nehmen, wollen wir vorläufig von V. 72 ausgehen , wo in jedem Falle ein neuer Abschnitt beginnt Die alt- epische Formel daz hortih rahhSny die ebenso im Eingange des Hildebrands- liedes und öfter wiederkehrt, deutet darauf hin, daß wir hier den Beginn eines Liedes vor uns haben. Zwar kommt die Formel auch in der Mitte vor, aber immer zu Anfang eines Abschnittes, der etwas Neues einfuhrt. ' Zu dem unmittelbar Vorhergegangenen passt das, was dieser Formel folgt, durchaus nii^ht. Im Vorausgehenden ist von einem maJial des mächtigen Königs die Rede (V. 60) , es folgt die Beschreibung des Weltunterganges , nämh'ch der Kampf zwischen Elias und dem Antichrist und der Weltbrand ; hierauf (V. 125 flf.) wird wieder von dem mahal erzählt. Es ist also oflfenbar , daß V. 126 die durch die Schilderung des Weltunterganges unterbrochene Be- schreibung (V. 71) wieder aufnimmt. Dadurch wird das eine der beiden Lieder, welches nicht weiter unterbrochen ist, auf V. 72— 123 begränzt. Von diesen sind aber die vier letzten (120 — 123) zu streichen, die schon durch ihren Reim sich als späteren Zusatz erweisen (S. oben S. 8). Sie sind hinzugedichtet, um einen Übergang zu dem Folgenden zu gewinnen. Dem Geiste der epischen Volkspoesie widerspricht es gänzlich, auf eine Frage, wie sieV. 118. 119 enthalten, eine Antwort zu erwarten. Sie ist viel-
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ÜBER MÜSPILLL 13
mehr ein Aasnif als eine Frage. Das mdhaly welches in V. 125 flf. geschil- dert wird, ist zuerst in V. 61 flf. erwähnt. Was diesem vorhergeht, passt nicht zu der Schilderung des mahal, denn im Vorhergehenden ist von Beloh- nung und Bestrafung, die auf dem Dinge entschieden werden soll, als von einer schon vollzogenen die Rede. Wo ein Streit um die Seele zwischen Engeln und Teufeln bereits entschieden hat, die einen dahin, die andern dorthin gegangen sind , kann da noch ein Gericht erfolgen ? Eher wäre das Umgekehrte denkbar. Die Anfönge beider Abschnitte, um noch nicht zu sagen Lieder, würden demnach in V. 60 und 72 zu suchen sein» Was nach V. 124, sich genau anschließend an V. 71 , folgt, gehört zu der Schilderung des mahal, des jüngsten Gerichtes. Es bleibt also nur noch übrig, von dem ersten Theile des Gedichtes (V. 1 — 59) zu reden, der zwar in der Form (denn es ist eine Ermahnung an den sündigen Mann [V. 47], mit einer War- nung vor der Hölle) zu dem folgenden passt, dessen Inhalt aber, wie wir eben sahen , eher nach dem folgenden Abschnitt zu setzen ist. Gerade in diesem Abschnitte kommen mehrere Formen vor, M'ie dari, dazt, himihun^ galon, die es wahrscheinlich machen, daß auch hier ein älteres Lied benutzt wurde. Die in Otfrieds Evangelienbuch ebenfalls ohne Reim wiederholte alliterierende Langzeile
. dari ist Up dno tSd Höht äno ßnstri gehört diesem ersten Abschnitt an. Otfried müßte entweder das Muspilli in der Form, wie es uns vorliegt, gekannt haben, und das ist wenig wahrschein- lich, oder beide, das Muspilli und Otfried, nahmen den Vers aus einem im 9. Jahrh. noch im Munde des Volkes lebenden Liede auf. Dieses Lied, schilderte den Aufenthalt der Seligen und den der Verdaojmten und war ur- sprünglich unabhängig von der Schilderung des Weltunterganges.
Zur Veranschaulichung will ich die drei Abschnitte oder Lieder, aus denen Muspilli zusammen gesetzt ist, soviel als möglich mit Ausscheidung späterer Zuthat [durch Klammern] in der von mir aufgestellten Anordnung hersetzen. Ich benutze dabei eine von Schmeller und eine zweite von Maß- mann angefertigte Abschrift, beide mir von letzterem anvertraut. W bezeich- net den Text in Wackernageis altdeutschem Lesebuche.
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I.
[sin tac piqueme, daz er touujan scal, wanta] sär so sih diu sela in den sind arhevit enti si den lih'hamun iikkan lazzit, so quimit ein heri fona'himilzungalon, 5. daz andar fona pehhe : dar pägant siu umpi. sorgen mac diu sela, unzi diu'suona arget,
1. tonuaii Bs. — 6. argee S,
14 KARL BARTSCH
za hwedererao herje si gihalot werde.
[wanta] ipu sia daz satanazses kisindi kiwinDit,
daz leitit sia sär dar iru leid wirdit, 10. in fuir enti in 6nstri: dazi ist [rehto] virinlich ding.
upi sia avar kihalont die, die dar fona himile qoemant,
enti si dero engilö eigan wirdit,
die pringent sia sar üf in himilo rihhi :
däri ist lip äno tod, iioht äno finstri, 15. selida äno sorgun : dar nist neo man siuh.
denne der man in paradisü pu kiwinnit,
hüs in himile, dar quimit imo hilfa kinnok.
pidiii ist dürft mihhil allero manne welihhemo,
daz in es sin muot kispane
20. daz er kotes willun kemo tuo
enti hellä fuir harte wise,
pehhes pina. dar piutit der satanaz
altist heizzan laue. so mac hackan za diu,
sorgen drato, der sih suntigan weiz. 25. we demo in vinstri scal sino virinä stuen,
prinnan in pehhe : daz ist rehto palwic dink,
[daz der man harSt ze gote enti imo hilfa ni quimit
wanit sich kinadä diu wenaga sela :
ni ist in kihuctin himiliskin gote, 30. wanta hiar in werolti after di werkota].
II.
Daz hortih rahhon diä weroltrehtwison,
daz sculi der antichristo mit Eliase pagan.
der warch ist kiwafanit, [denne] wirdit [untar in] wik arhapan.
[khenfun sint so kreftic, diu kdsa ist s6 mihhil.J 35. Hellas stritit pi den ewigen lip,
will den rehtkernon daz rihhi kistarkan :
pidiü scal imo helfan • der himiles kiwaltit.
der antichristo stet pi demo altfiante,
stet pi demo Satanase, der inan varsenkan scal. 40. pidiü scal er in [deru] wicsteti wunt pivallan .
enti in demo sinde sigalos werdan.
7. üüederemo Et. nerde Ht. — 10. ret i7#. — H. hauar Ht. — 13. pringant Ä rihi Es. — 14. lihot Ei. — 16. pardUü W. — 18. «Iw Bi, nuelihemo Et. — 23. hnc- kann M. — 24. suntigon AT. — 26. setieii W. — 33. nuntar M. nnrdit Ä - 35, hennj. gon Et. — 36. daz. gweimal. Et. — 39. fanenkan W: — 40. der uacsteti Et. nant M. piaaUa Et. — 41. domo Et^
ÜBER MÜSFILLl. 15
doch wänit des vila wisero gotmanno,
daz Hellas in {demo] wige arwartit werde. * sär SO' daz Heliases pluo.t in erda kitriufit, 45. [so] inprinnant die perga, poum ni kistentit
enich in erda. aha artruknent,
niuor varswilhit sih, sviiizot lougjü der hiniil.
mäno vallit, prinnit mittilagart,
sten ni kistentit denne stuatago in lant 50. verit mit [diu] vuirü virihö wison,
dar ni mac [denne] mäk andremo helfan vora [demo] muspille.
denne daz preite wasal aliaz varprennit
enti vuir enti laft iz allaz arfurpit:
war ist denne diu marha dar man [dar eo] mit sinSn mägon piech? 55. [diu marha ist farprannan, diu sela stet pidwungan,
ni weiz mit wiü puaze: sä verit si za wize.]
m.
So [denne] der mahtigo khuninc daz mahal kipannit,
dara scal queman chunno kilihhaz :
[denne] ni kitar parnö nohhein den pan furisizzan, 60. ni allerö manno welih ze demo mahale sculi.
dar scal er vora [demo] rihhe az rahhu stantan
pi daz er in werolti kiwerkot hapeta,
pidiu ist [demo] manne so guot, denner ze demo mahale quimit,
daz er rahhono welihha rehto arteile. 65. denne ni darf er sorgen, denne er ze dem suonu quimit.
ni weiz der wenaga man wielihhan urteil er habet :
denner mit den miaton marrit daz rehta,
daz der tiuval dar pi kitarnit stentit,
der hap§t in ruovu rahhono welihha, 70. daz der man in ferahe upiles kifrnmita,
daz er iz allaz kisaget, denne er ze deru suonu quimit.
ni scolta [sid] mannö nohhein miatun rntfähan.
42. nnla Hi. wUerd fehU, — 45. wi fehlt S, do 3f. inprinnan Ht. — 46. enihc Bs, einic W, artrnknnet Hi, — 49. stein W, nach ^ÄitenXXt folgt eik in erda. nerit denne st. in 1. mit «. «. w, H$, stuatago W. — 52. uarprinnit Hs. — 53. nugr S,, nugir 3f. — 54. heo Hi, piehe Hm. , piee W. — 55.. pidnngan Ht. , pidunngan W. — 56. oiz S. puozd W. s&r W. eorit iZK — 58. kiKbaz H$. — 60. alero Ht, nelih Ht. — 61. anora Ht, — 62. kinuer- kota H, hap^t W, — 63. demanne Bt, — 64. rahono neliba Hs. reCo H$, — 65. dena Ht, — 66. nmr Ht. «uielihan Ht, — 67. az M, reta Ht, — 69. rahono neliha Ht, — 70. in ferahe /Mt, — 72. ni scolta sid mannobhein miatun enti er dio (dia M.) mietun antfieag az erda | den scolta (az er sid ni scolta M,) manno nohhein miatun intfahan SM,
16 KARL BARTSCH
60 daz himilisca hörn kihlutit wirdit,
enti 8ih [der] in [den] sind arhevit, der dar saonnan scal : 75. denne hevit sih mit imo herjo meista :
daz ist allaz so pald, daz imo nioman kipagan,ni mak.
denne verit er ze [dem] mahalsteti dern dar kimarchdt ist.
dar wirdit diu saona, dia man dar io sagSta.
denne varant engilä uper dio marhä, 80. wechant deotä, wissant ze dinge.
define scal mannö gilih fona dem moltu arst^n,
Idssan sich ar [dero] lewd vazzön : scal imo avar sfn lip piqoeman,
daz er sin reht allaz kirahhon mnozzi,
enti imo after [sinen] tätin arteilit werde. 85. denne der gisizzit, der dar suonnan scal
enti arteillan scal tdten enti quekkhen :
denne stet dar umpi engilo menigi,
gnotero gomöno gnrt stet mihhil.
dara quimit ze [dem] rihtungu so vila diä dar arstent, 90, so dar manno nohhein wiht pimidan ni mak.
dar scal [denne] hant sprehhan, houpit sagen,
alierö lidö welich unzi in den luzigun vingar,
waz er untar [desenj mannon mprdes kifrumita.
dar ni is eo so listic man, der dar iowiht arlingan megi, 95. daz er kitarnan megi tato dehheina,
niz al fora [demo] khuninge kichundit werdi,
uzzan er iz mit alamusanu furi . . . megi
. . . enti mit fastun dio virinä kipuazta.
denne . . . der gipuazzit hapet, denner ze deru suonu . . . 100. wirdit [denne] furi kitragan daz fronö xshruci,
dar der heligo Christ ana arhangan ward.
[denne] augit er dio mäsün, dio er in [deru] menniski intfiang,
dio er dumh [deses] mancunnes minna ginam.
Von diesen drei Liedern trägt das mittlere am meisten den unveränder- ten mythologischen Charakter. Es schildert den Weltuntergang, die Götter- dämmerung, ragnarökr, und zwar in Form eines Kampfes, der nach mittel- alterlicher Sitte den Streit zwi&chen den zwei feindlichen Heeren, den Göttern
73. himilisc Hs, kilutit Hs. — . 74. der suanari S. der Christ ze demo send M. — 78. hio Bs, — 79. anarant J?>. dia Et. — 81. mano Hs, nona S^. — 82. dem Hs. hauar Es.
— 86. nach scal : toten enti lepenten. — 88. girust so mihhil S, — 90. oht 5. niht M, — 92.anelihc J?«., anelih W, — 93. aaz M, — 94. ist W. heo Hs. hibauiht Hs, — 96. kichun- dit Hs„ kikhnndit W. — 97. megi S„ diegi M, — 98. nnrina Hs, kipaazti & , Idpaazii Jf.
— 102. ... fenc M S, — 103. dia W, dio SM, desse Hs, mina fax , . , 8. mhnoL gin . . . M,
ÜBER MÜSPnJLl. 17
und Riesen, schlichten soll. Als die beiden Hauptkämpfer werden Elias von der einen , der Antichrist von der andeiii genannt. J. Grimm hat nachge- wiesen, daß in christlicher Zeit Elias an die Stelle des Thorr getreten ist. Nach der nordischen Überlieferang kämpft ThöiT mit der Midgardsschlange, Odin mit dem Fenriswoif, auch von den übrigen Äsen ist jedem ein Kämpfer zugetheilt,
Vöiuspa 53 : ]>d kemr Hlinar harmr annarr ßram, er Odirm ferr vid üdf vega,
und von Thörr heißt es Völuspä 56 : .
]>ä kemr inn nweri mögr HlSdynjar, drepr arm af mSdt midgarda V^orr, neppr frd nadri ntds ökmdnum.
Ich glaube indess, daß unser Lied zunächst nicht Thors Kampf geschildert hat. Was mich zu der Vermuthung veranlasst, ist Folgendes: wenn der christliche ßearbeiter des 9. Jahrhunderts das ältere Lied möglichst treu beibehalten hat, wie wir im Folgenden aus Vergleichung der nordischen Überlieferung sehen werden , daß fast wörtliche Übereinstimmung sich zeigt, so liegt die Folgerung nahe , die an die Stelle der heidnischen Götter getre- tenen christlichen Namen durch heidnische ebe^alls alliterierende zu ersetzen. Dazu bieten sich aber Wuotan und Wulf als zunächst liegend dar. V. 74. 75 werden also in dem alten Liede etwa gelautet haben
daz acvli Wuotan mit demo Wulfe pdgan. Vergleicht man die folgende Zeile :
der warch ist kiwä/ajnit, und nimmt warch in seiner ursprünglichen Bedeutung ^Wolf*, so gewinnt die Vermuthung noch mehr an Wahrscheinlichkeit. Die Verse 78. . 79 , die an sich nichts Verdächtiges enthalten , werden nur wegen des fremdländischen kSaa als dem alten Liede angehörig zu bezweifeln sein. Auf sie kommt für unsem Zweck nichts an. Die beiden nächsten Zeilen 80. 81 :
HjSlta>8 strttit pt den ^wigon Itp fugen sich ebenfalls wieder leicht in die Alliteration, wenn Wuotan an die Stelle des Hellas tritt und für 'das ewige Leben* etwa Walhalla als der Sitz der Seligen gesetzt wird. Auch die Verse 84. 85
pidvu 8cai imx> helfan * der himiles kiwaüit, zeigen eine merkwürdige Übereinstimmung mit der nordischen Überlieferung. In der Jüngern Edda 51 heißt es von Odin 'So eilt er dem Fenriswoif ent- gegen und Thorr schreitet an seiner Seite, mag ihm aber wenig helfen, denn er hat vollauf zu thun mit der Midgardsschlange.' Wenn der des Him- mels waltet kein anderer wäre als Dunar? und wenn es in dem alten Liede demgemäß gelautet hätte
pidiu scai ima helfan der hamares kiwalUU — ^.
OSBJtAVU. lU» 2
Iß KARL BARTSCH
Es hat also der christliche Bearbeiter den Wuotan an die Stelle des Dunar gesetzt.
Auch in den nächsten Zeilen lässt sich wenigstens noch ^in mythologi- scher Name mit Hilfe der Alliteration ziemlich gewiss herstellen. Zwar moß nnentschieden bleiben, wer mit dem altfiant (V. 87) bezeichnet ist, bei dem der Antichrist steht. Zu vergleichen ist Völ. 51 'des Unthiers Abkmift ist all mit dem Wolf ; darnach wäre der altfiant hoW. Möglich wäre aber auch, daß hier durch Missverständniss des .alten Liedes der Altfeind an die St€»lie eines Äsen, nämlich des nordischen Widar getreten ist, der nach Odins Fall den Kampf mit dem Feuriswolfe zu Ende führt, so daß das Stehen bei ihm den Kampf, das Gegenüberstehen, bezeichnete und Widar-Wolf alliterier- ten. So ungewiss dies, so ist ziemlich sicher, daß in dem folgenden Satanas Niemand anders als der nordische Surtr verborgen ist, zu welcher Vertau- schung er sich als Feuergott besonders eignet. Daß er gemeint ist, geht aus dem Zusatz ^der inan farse^ikan scat hervor: denn am Ende des Kampfes schleudert Surtr Feuer über die Erde und verbrennt die ganze Welt. Auch der Ausdruck yar«<»nA;aw' stimmt zu der nordischen Mythe,. es heißt Völ. 56 sigr fold tmar, und Sn. Edda 53 'die Erde taucht aus der See auf.* Wie der deutsche Name des Surtr gelautet hat, wissen wir nicht: in jedem Falle aber wird nicht nur das Vorlfandensein dieser Gottheit selbst, sondern auch seines ähnlichen Namens im deutschen Mythus durch diese Vermuthung- bestätigt. Von Thors Kampfe ist in dem Liede, mit Ausnahme der Beziehung in V. 85 , noch gar nicht die Rede gewesen , wiewohl seine Bedeutung beim Weltuntergange in den nordischen Mythen sehr hervorgehoben wird. Es heißt Völ. 55, nachdem Thörr die Midgardsschlange getödtet,
Oengrfet nSu Fjörgynjar burr^ . .
munu halir allir heimstöd rydja,
aSl tekr Bortna u. s. w. ganz ebenso wie im deutschen Liede an Elias herabtriefendes Blut, nachdem er den Antichrist erschlagen, der Weltuntergang sich unmittelbar anschließt. Wenn in dem Liede etwas ausgefallen ist, so ist es gewiss an dieser Stelle, indem der Übergang zu Dunars Kampfe fehlt. Elias wäre hier also Dunar, vorher Wuotan. Abgesehen davon, daß diese Vertauschung schon ihre Schwierigkeit hat, spricht dagegen auch V. 96. 97 :
daz HAias M demo wtge arwartit urirdit^ wo durch Substituierung Wuotans wiederum die Alliteration sich sehr gut fögt.
daz Wuotan in wtge arwartit wirdiL Es bleibt denmach nichts übrig, als hier eine Abweichung des nordischen vom deutschen Mythus anzunehmen.
Die Schilderung des Weltbrandes schließt sich sehr genau an die nor- dische Darstellung an. Völuspa 51 :
Ober muspilli. ig
ffrj6(björg gnata , . . en Tumirm klofnar. md VöL 56 :
Söl tekr sarina, sigr fold t mar^
hverfa af Mmni heidar sty^mur,
gei8(w eimr ' vid aldrnära, . Uikr här hiti vid hinUn ydl/an. Vergleicht man damit folgende Verse des Muspilli :
stein m kistenüt
mäno valh% prmnit mitülagart
svilizSt lougjü der himil, so ist die fast wörtliche Übereinstimmung Zeuge von der Treue, mit der der AafiEeichner des Muspilli an einzelnen Stellen den Ausdruck des alten mytho- logischen Liedes beibehaltea hat.
Das erste Lied enthält so genaue mythische Beziehungen nicht als das zweite. Die in mittelalterlichen Dichtungen häufig wiederkehrende Sage von einem Kampfe der Engel und der Teufel um die Seele des Gestorbenen (vgl. MythoL 796 ff.) beruht, wie J. Grimm (ebd. 392 , Anm. 797) gelehrt hat, auf alter Überlieferung. Es sind demnach unter dem Heer der Engel die Walküren zu verstehen, die Odin entsendet, um alle im Kampfe gefallenen Helden zu empfangen und in seinen Himmel zv leiten (vgl. V. 25 dia prin^ ffewt sia sdr 4/ in himilo rthhi. Mythol. 800). Aber an Stelle der Engel könnten auch, wenn man auf die Alliteration Rücksicht nehmen will, die Ein- heijer gestanden haben. Es heißt im Wafthrüdnismäl 41 :
Allir einherjar Odins tvnum t
köggvask hverjan dag :
val ]>eir kjSaa ok rtda vtgifrä,
ei^a meir um sätUr awman. Hiemach haben die Einheijer, d.h. die im Kampfe gefallenen und in Walhall lebenden. Helden, ein ähnliches Amt wie die Walküren, den Wal zu kiesen. Daß unter den Engeln wirklich die Einheijer zu verstehen sind , werden wir noch bei Betrachtung des dritten Liedes sehen. Wenn bei der Schilderung Walhallas V. 30 besonders hervorgehoben wird, daß daselbst niemand siech sei, so scheint das ebenfalls nicht bedeutungslos, wenn man bedenkt, daß nur die Seelen der auf der Walstatt gefallenen Helden nach Walhalla kamen, während die am Siechthum auf dem Krankenlager Gestorbenen der Hei anheim fallen. Im alten Liede mochte es an dieser Stelle etwa heißen 'dahin kommt kein siecher Mann:' — Die Schilderung der Hölle gemahnt am meisten an die christlichen Vorstellungen , besonders das Rufen der verdammten Seelen zu Gott, das an die Erzählung vom armen Lazarus erinnert. Wenn dieser Abschnitt nicht ganz dem Bearbeiter des 9. Jahrh. angehört, so ist w^igstens die getreue Überiieferung hier aufgegeben.
Im dritten Liede erfolgt die Schilderung des jüngsten Gerichtes. Auck
2*
20 ^BL BARTSCH. ÜBER MÜSPiLLI.
diese ist im Wesentlichen aus christlichen Elementen zusammengesetzt: einige Beziehungen auf die Mythe sind indess auch hier zu erkennen. Vor allem erinnert das himmlische Hörn das geläutet wird (V. 145) an Heimdall, der mit seinem Gjallarhorn die Götterdämmerung ankündigt. Völ. 47 :
Leikd Myms syrdr en mjOtudr kyndisk
at enu gamla Gjallarhomi ;
hdtt blaesa Heimdallr, hom er d lopti. In der That hat auch hier die Substituierung des heidnischen Göttemamens in Bezug auf die Alliteration keine Schwierigkeit:
8Ö daz Heimtallea hom kihlviü wirdtt, oder wie die deutsche Form des Namens gelautet haben mag. Beim Tönen des Horns erhebt sich der sühnen soll mit dem größten der Heere. Er fährt zu der bestimmten Mahlstätte , die Engel fahren über die Mark. Auch hier haben wir wörtliche Übereinstimmung mit dem nordischen Mythus. Grimnismäi 23 heißt es bei der Schilderung Walhalls, die 540 Thüren hat:
ätta hundrud einherja ffdnpa serm or einum durum,
ßd er peir/ara vid vitni at vega, und in der Jüngern Edda, Gyifagynn 51 ""die Äsen wappnen sich zum Kampf und alle Einherjer eilen zur Walstatt. Zuvorderst reitet Odinn mit dem Goldhelm, dem schönen HaKiisch und dem Spieß, der Gnngnir heißt.' Der mächtige König also , der ^daz mahal kipanmf (Y. 62), ist niemand anders als Wuotan , der beim Rufe des Gjallarbomes mit dem größten der Heere (^herjS meista 150), den Einherjern, zur Walstatt zieht. Ebenso sind wieder wie im ersten Liede V. 157 unter den Engeln die Einherjer zu verstehen, die über die Mark fahren : und somit bestätigt sich durch die Alliteration auch fürs Deutsche das Vorhandensein dieses Namens.
Das dritte Lied steht, wie sich aus diesen Beziehungen ergibt, in un- mittelbarem Zusammenhange mit dem zweiten und geht demselben voraaf. In dem altern Liede waren wohl beide Stücke eins und der christliche Bear- beiter-benutzte an verschiedenen Stellen, was ihm für seine Schild^ruDg brauchbar war. Den Hauptinhalt des ersten Liedes bildet die Belohnung der Guten, die Bestrafung der Missethäter. Von einem derartigen Gerichte, das am Ende aller Dinge erfolgt, weiß die deutsche Mythologie ^jichts. Zwar wird ita der Völuspä, nachdem die Erde neu aus dem Meere emporgetaucht ist und ein neues Geschlecht von Göttern sie beherrscht, gesagt, St. 63, }>d kemr inn rtki at regind&mi^
öflugr ofan, ad er öllu raedr.
semr härm dömar ok acikar leggr,
vSsköp aetr ]>au er vera akolu. Aber der Schluß der Völuspä ist zu verdächtig und streift zu sehr an christ- liche Vorstellungen, als daß er zu weiteren Vergleichungen heran gezogen werden könnte. Die Bestrafung der Verbrecher in Nästrand, namentlich der
FKANZ PFEIFFER, DES TEUFELS NETZ. 21
Meineidigen, entsprechend dem Richter im deutschen Gedichte , der sich be- stechen Jässt und um der Miete willen das Recht beirrt (V. 130), der Meuchelmörder, deren auch imMuspilli gedacht ^rd (V. 185) waz er untar marmun mordes Infrumita) kennt die Edda in einer Strophe der Völuspa, die Weinhold für jünger erklärt, Str. 43,
Sä hon ]>ar vdda ]>unga strauma
menn meinsvara ok mordvarga,
ok ßann annars glepr eyraiHmu,
ßar säug Ntdhöggr näi frwmgengnay
aleit vargr vera : vitad ^ enn eda hvat ? Fassen wir noch einmal zusammen, welche mythologischen Reste uns im Maspilli erhalten sind, so »ist der Inhalt der beiden Lieder (denn zwei und drei fallen nun zusammen) in Kürze folgender :
I. Die Seele des Braven holen die von Walhall kommenden Einherjer und leiten sie hinauf in des Himmels Reich. Dort ist ewiger Tag, keine Nacht, dort gibt es kein Siechthum. Eine weitere Schilderung Walhalls wird sich in dem alten Liede, entsprechend der in Grimnismäl gegebenen, ange- schlossen haben.
II. Heimdalls Hörn ertönt. Wuotan macht sich auf den Weg, mit ihm die Einherjer, und föhrt zu der Walstatt. Wuotan kämpft mit dem Wolfe. Ihm zur Seite steht der Beherrscher de^J Hammers, Dunar ; neben dem Wolfe steht Loki und Surtr, der die Welt versenken soll. Der Wolf fällt, aber auch Wuotan sinkt verwundet darnieder. Sobald sein Blut auf die Erde trieft, ent- brennen die Berge, kein Baum bleibt stehen, die Wasser ertrocknen, das Meer wird verschlungen, Mond und Sterne fallen, es -erfolgt der Weltbrand, die Götterdämmerung.
NÜRNBERG, JuU 1867. '
DES TEUFELS NETZ.
EIN LEHRGEDICHT AüS DEM XY. JAHRH.
unter den didaktischen Gedichten des 15. Jahrh. möchte künftig Er- wähnung verdienen des tii/els sege (sege, segirij sagena, Fischernetz), ein ziemlich umfangreiches Werk , das in der Form eines Gespräches zwischen dem Teufel und einem Einsiedler eine nachdrückliche Geisselung der Laster und Thorheiten aller Stände , geistlicher wie weltlicher, enthält. Roh und kunstlos in der Form ejatbehrt es jedes dichterischen Werthes; dagegen möchte es als reiche lebendige Schilderung des Lebens und der Sitten des beginnenden 1 5. Jahrh. Beachtung verdienen. Die einzige bekannte Hand- schrift besaP Laßberg , sie befindet sich nun mit den übrigen Schätzen seiner
22 FRANZ PF£IFF£R, DES TEUFELS NETZ.
Bibliothek in fürstl. furstenbergischem Besitz zu Donaaeschingen ; früherer Besitzer war der Beichtiger der Klosterfrauen zu Bregenz , Herr von Weiz- zenegg, von welchem L. sie erwarb. Sie ist im J. 1441 auf Papier in gr.Fol. geschrieben und zählt 367 Seiten. Das Gedicht enthält in dieser Hs. etwa 13,700 Zeilen. Öfter sind leere Räume für Bilder darin gelassen; aber nur das Titelbild ist vorhanden : eine Schaar von Teufeln zieht in einem großen Netze (= 8€gi) eine Anzahl Menschen, worunter ein Kaiser, Papst u. s.w. aus dem Wasser in die Höhe. Nach einer brieflichen Mittheilang Laßbergs stellt die am Fuße dieses Bildes befindliche Zeichnung das Thor der obern Stadt zu Bregenz vor, was den Schluß erlaubt , daß das Buch dort wo nicht gemacht, doch gewiss geschrieben wurde. Wohl durch diesen umstand veran- lasst, war Laßberg geneigt, in dem Knappen des Qrafen Haug von Montfort und Herrn zu Bregenz, Burg Mangolt, den im Gedichte selbst nirgends ge- nannten Verfasser zu vermuthen.
Ich gebe hier den Anfang und das Ende.
Hörend, hörend arm vnd reich,
Jung vnd alt gemainleich.
Er sy wip oder man.
Es gät menglichen an,
Gaistlich oder weltlich,
Sy sigend arm oder rieh,
Herren und ouch frouwen.
So werdent ir wunder schowen,
Wan ich wil hie ain wärhait sagen
(Die weit sölt es billich clagen),
Wie aineip ainsydeln ist beschehen.
Die wil er got ze lob verjehen
Und die weit warnen tfin.
Wer komen wil ze frid und sün.
Der sol diser lere achten
Und sy dik betrachten.
So wirt er hören ain wärhait,
Wie der tüfel die weit verlait
Vnd wie er hat gemacht ain garn u. s. w. Die Vorrede (so wird sie bezeichnet V. 53 : hiemit wil ich die vorrede Ion) zählt 78 Zeilen, darauf beginnt das Gedicht :
Ains mäls vor wihennächten
Saß ain ainsidel dichten und betrachten.
Was got dem menschen hat gfltz geta*n,
Das es nieman als gesagen kan
Für alTes das er ye hat geschaffen,
Pas sprechest alle lerer vnd pfaffen n. s. w.
L V. ZINGERLE, ÜBER GAREL VOM BLÜHENDEN THAL. ^
Schluß S. 367 :
der tüfel sprach :
Ich tun den minen laid und ungemach,
Sy wollend dich nit für ogen ha*n.
Des mußends yemer jn liden sta*n,
Vnd wirst her an jn gerochen,
Hand sy ie wider dich geta'n ald gesprochen.
Hiemitt ker ich mit den minen hin
In die bittren hellepin. Amen.
Amen das ist wa*r
Got geb uns ain gAt ia'r. XLI**.
FRANZ PFEIFFER.
ÜBER GAREL YOM BLÜHENDEN THAL
VON DEM PLEIER.
unter den Helden der Artusromane wird Ritter Garel öfters genannt. Konrad von Stoffeln zählt ihn zu den Tafelrundern : Daz was min her Yban JPartzifal vnd Oahan Eregk vnd her Walban Wigalais vnd Tristanb Sodines vmdKardicmt Segrimovs von Partripan Pojrtiuir vndLenial vnd Daniel von JPlu£ntal Meliantz vnd Meier antz Liitzelot vnd Edelantz Karel vnd her Ramung von Sweden ain ritter jung.^) Hartmann nennt ihn neben Tristan, ^) nnd Wimt lässt seinen Tod beklagen. ')
Am öftesten nennt und preist ihn Wolfram, der ihn zu den besten Rit- tern zählt: .
swoji: der werde LanzilSt . 4i/ der swertbriicke erleit unt stt mit Meljacanze streit, daa was gein dirre not ein niht. unt des man Gärelle giht, dem stolzen künege riche, der also riterltche den lewen von dem palas vmrf^ der da ze Nantes was.
^) Wackemagel altd. Lesebnch. I. Aufl. S. 850.
*) Tristram vnde Odrel Erec 1649.
') auch muoz ich von schulden klagen einen känie,'der lU hie erslagen Gärel von Mirmid^ne Wigalois 2&\, 1—3.
24 I. V. ZINOERLE
Odrel ouchz niezzer holte,
da von er kumber dolte
in der marmelineti aül. (Parz. 583, 8 ff.)
Oarel unt Oaherj^ ' und rois Meljanz de Barhigoel tmde Jofreit ftz Idoel die eint hin äf gevangen, € der buhurt wasre ergangen, (Parz. 664,30 ff.)
Artiia sprach : ^diner fnuomen sun
Oaherj^en ai. dort hat
unt O drein, der rtters tat
in manegem poynder worhte.
mir wart der unrevorhte
an miner atten genofnen. (Parz. 673, 2 ff.)
Daß dieser gefeierte Ritter der Tafelrande auch seinen Sänger gefunden habe, berichtet Püterich von Heicherzhausen in seinem Ehrenbriefe mit den Worten :
Herr ufigileusz vom Roth
Wirent von Qrafenbergkh
Voltichtet sein gethat
Samb hat gethan der Plair auch das werckh
Vom Plitidenihal Herr Oarell auch' betücTUet^)
In den dreißiger Jahren fand Herr von Karajan den einzigen erhaltenen Codex dieses bisher nur dem Namen nach bekannten Gedichtes im vater- ländischen Museum zu Linz.') Es ist eine Papierhandschrift, klein Folio, mit 169 Blättern. Jede Seite hat zwei Columnen, deren eine 30—35 Verse zählt. Der Codex besteht aus Lagen zu je 10 Blättern, von denen das letzte ganz unten in der Mitte die Nummer XVII" als Reihenummer der 17. Lage trägt. Jede Lage ist an ihrer Stelle numeriert und zwar von der Hand des Abschreibers. Dadurch erhält man die angenehme Versicherung , daß vom Anfange nur ein einziges Blatt fehlt. Die Schrift ist durchaus von einer Hand, obwohl nicht gleich zierlich geschrieben. In der Mitte ist sie am schönsten, gegen Ende am größten und unsaubersten, obwohl nicht unge- nauer, als alles übrige. Die Initialen sind schwarz. Herr von Karajan ließ von dem Gedichte eine sorgfältige Abschrift nehmen, die mir gütigst zu Diensten gestellt wurde, als ich an der Erklärung der Runkelsteiner Fresken schrieb; In derselben theile ich einen Auszug des Pleier'schen Romans und Probestellen daraus mit, worauf ich hier vorläufige verweise. Da aber Pleiers
') Haupts Zeitschrift 6, 50.
^ VergL Frühlingsgabe 1839 S. IV.
Ober GABEL VOM BLÜHENDEN THAL. 26
Gedicht den meisten Freunden mittelhochdeDtscber Litteratur nnzngäng- Kch ist, dürften einige nähere Mittheilungen über. dasselbe und den Dichter vielen nicht unwillkoraraen sein. Die kürze Frist, die mir zur Benützung der Handschrift gegönnt war, mag das Skizzenmäßige dieser Zeilen entschuldi- gen. — Der Verfasser des Garel nennt selbst am Schlüsse des Gedichtes seinen* Namen :
lEe hat daz buoch ein ende,
ßwä nu hövesche Hute stn,
die tuon ir zuht dar an schin^ (Bl. 169')
daz 81 mit höveschUchen siten
dem tihtcer gelückes biten,
der daz buoch getihiet hat
und die Hute urizzen lät,
wie Oärel mit manheit
tnl munigen höhen prts erstreit,
der daz buoch hat getihtet,
der ist noch unberihtet
ganzer sinne, wan daz er sin muot
niewan *) durch kurzwüe tuot
und ze ^renfrumen liuten, •
ich wil iuch rehte bediuten
swä ir in hoeret nennen^
daz ir in mugt erkennen :
man heizet in den Pleiaere,
hie hab ein ende daz m/iere,
got Idz uns allen wol geschehen,
daz wir noch mUezen gesehen
stn gendde in Mmelriche,
daz wir dd Swicltche
miiezen hfvwen iemer m^e,
des hei/ uns got durch siner marter Sre,
m
Über die Lebensumstände und Bildung des Dichters enthält das Ge- dicht wenig Aufschlüsse. Wenn folgender Rede des König Artus (Bl. 146"):
jd herre got der guote waer ez min neve Oärel, den hat ie doch da^ pantel von Stire geerbet, an
unbedingtes Vertrauen zu schenken wäre , würde man Fleiers Heimath in oder bei Steier zu suchen haben.') Mehr Aufschlüsse gibt uns das Gedicht
l__l_^IMJI III I ■ -II •
^) fiMwunU, Hs. — *) Vgl. Germania 2, 398. 500. Ancb spftter anzuführende Stellen, TgL S. 31, 32, können dahin gedeutet werden.
8g I. V. ZINGERLE
Über die Bildung des Verfassers. Er war, wie er selbst sagt, des Lesens kundig (als ich an der dventiure las Bl 53'). Gleich am Beginn des 6e* dichtes zeigt er, daß er Hartmanns Iwein kenne.
Nu hoeret einfremdez mcere.
Hartman der Ouwcßre
hat uns S wol geseit
für eine rehte wärheit
an einent huoche^ dmst wol bekant,
deist der riter mit dem lewen genant,
da^ Artus was sin wip genommen
und wie ez dar zuo was kamen. BL 1 **.
Gare] nimmt von einer Stelle des Iwein, 4566 u. s. f. den Ausgang und erinnert oft durch Ton und Sprache und einzelne Scenen an Hartmanns Gedicht. Ja. manche Verse wiederholen sich fast wörtlich in Fleiers Er- zählung. Ich führe beispielshalber mit folgende an :
Garel : Iwein :
D6 er nihb langer wolte und dS ich niene wolde
noch heltben solte. 2007. noch beUhen solde. 368.
Wie da gesanc gesange galt. 2149. swie da sanc sänge galt. 620.
Arthurs het ein hSchztt ein als6 schoene hScJiztt,
daz er vordes noch sü daz er vordes noch stt
nie kein schoener gewan. Bl. 1 *. deheme schoener nie gewan. 36 ff.
do bat er vräveltche d6 bat er als ein vrävel man
der riter ellensrtche daa er miiese vüeren dan
den kiinic um die kiinigin, sin wip die küneginne. 4586. daz er die müese vüeren hin. BL 1 *.
die si vüeren sähen, die st da vüeren sähen,
die begunden alle gähen da wart michel gähen:
nach dem riter üf die va/rty ez rief dirre und rief der :
daz in aimeistic wart. (?) Bl. 1 *. ^hamasch unde ros hei^ :
und swer ie gereit wart, der jagte nach üf die varL 4623 ff.
•
Derartige ähnliche Stellen , die wie Reminiscenzen klingen , findet man in großer Anzahl.
Nebst Iwein kannte der Fleier auch Gottfrieds Tristan. Dies bezeugt fol- gende, bei den Haaren herbeigezogene Stelle, die dem Herzog Gilin in den Mund gelegt ist :
zeinen ztten mich her Tristan Bl. 19* von gr6zem kumber löste*
Ober garel vom blühenden thal. ^
der kam mir auch ze tröste^ wan er mir einen risen sluoc, der tet mir leides ffenuoc mit roube und mit brande da heim in minem' lande, den sluog er durch den willen min. ich gah im ein hundeltn, » daz was Petitcriu *) genant, daz mir durch mimne het gesa/nJt ein richiu gotinne mit UsUcltchem sinne, ein zürtel was gehangen dran, den dS erhörte deheih man, swie truric stn herze wcsre, ez benamie im sine swadre : swerme er den klanc erhörte^ sin trwren sich zerstörte und gewan ze vreuden guoten muot din ti^Sst mir verre samfter tuot, den ich von dir vemom^n, hän.
Man vergleiche damit Tristan H. 15794-^16287.
An Zatzikhovens Lanzelet wurde ich erinnert durch das so oft vorkom- mende breite heide, das zwar auch in andern Gedichten, doch nicht in so stehender Weise sich findet. — An Zatzikhoven undWirnt gemahnt auch das häufige Verweisen auf die Quelle. Nicht leicht weist ein Dichter so oft, ja in ermüdender Weise, auf dieselbe hin, wie Fleier. Ich führe aus Garel nur einige Beispiele an:
als mir dm dventiure giht^) BF. 1*, 2% 41% 63*, 67*, 88*, 92*,
106'. (ds mir diu dtmdiure sagt Bl. 7*, 11% 72*, 86% 110*. nach der Oventiure sage *) BL 15', lll*, 115*, 24', 56', 84*, 165',
166«. als mir diu äventiure seit Bl. 27*, 58*, 70', 88', 97', 127'. als mir diu äventiure jach Bl. 38% 57', 145'. als uns diu äventiure seit*) Bl. 73', 102*, 113', 159*. diu äventiure uns wizzen lät Bl. 87*, 131 •. ich hört die äventiure sagen Bl. 126'.
*) hitgrivT Hs.
*) aUuntdht dventiure giht Wimt 178, 232.
*) Lanzelet 1894.
«) Wimt 203, 266, 26.
28 I. V. ZINGERLE
als mir diu dventiure swuor BI. 72 *. diu dventiure mir daz niht swuor Bl. 42 *. mich enhabe diu dventiure betroffen Bl. 38*.
Wichtiger ist der schon früher angeführte Vers : als ich an der dventiure las Bl. 53*, weil daraus die Lesekunst des Dichters erhellt. Neben diesen Berufungen auf
die Aventiure finden sich zahlreich die Formen:
ü
als ich da^ mwte hän vemomen Bl. 6*, 41 **, 49*, 48* u. *, 62*,
66\ 8r, 92*, 107', 108% 110% 112*, 123*. als mir daz masre ist worden kufnt Bl. 63', 81 *. so daz mcere giht Bl. 44*.
als ich da^ mcere vemomen hän 35*, 40*, 85', 102*. als uns ditze masre seit 158*. so wart mir gesagt 7' u. *; 35% 64*. so man saget 7% 58% 104'. als ich hän vemomen 24'. sus hän ich vemomen 39% 115*, 167*. ich sag zu als ich hän vemomen *) 74% 84%. 112% 166% sus hörte ich sagen 99'. von im wart mir niht mSr geseit 169 *.
Die Quelle, auf die sich der Pleier so oft beruft, war zweifelsohne ein wäl- sches Buch. Denn Garel ist ein Artusroman, der den übrigen Werken dieser Art gleichsieht, wie ein Ei dem andern. Garel zieht aus, um den Biesen Karabin zu verfolgen, und besteht nun ein Abenteuer nach dem Andern, bis der Sieg über den König Ekunaver die lose Kette seiner Heldenthaten ruhmvoll schließt. Riesen und Zwerge, Meerungethüme und eilenthafte Recken werden vom blühenden Ritter besiegt Die im Garel vorkommenden Personen sind großentheils aus andern Artusromanen mehr oder weniger bekannt, und tragen der Mehrzahl nach wälsche ^'amen, z. B. Eskilabon, Gandin, Oamuret, Oaloes, Cflarine, Claris , Duzaiel, LanzHety Oloutite, Gilan, Gawan u. s. w. Die wenigen deutschen Namen : Albeurtn , HJelferich^ Rupreht, Robert, Fidegarte (ähnlich der Vodelgarte im Eckenliede), Ger^ hart kommen nur selten vor und können Zuthat des Dichters sein. Über- haupt scheint der Pleier sich nicht strenge an die Vorlage gehalten , sondern manches aus ihm bekannten Sagen und Dichtungen hinzugefügt zu haben. So dünken mich die Züge von den Zwergen und den wilden Fräulein von deutschem Grund und Boden zu stammen. Ich glaube, daß an den Stellen, wo er gewandt und mit Behagen erzählt, er sich nicht streng an die Aventiure halte und sich freier bewege» Gerade die so oftmalige , bemahe
*) Unzelet 642.
ÜBEtt 6AREL VOM BLÜHEKDEK THAL
&Dgstlicbe VerMcherüDg , daß er Gehörtes treu wieder gebe, könnte auf andere Handlungsweise schließen lassen.
Die mit großem Fleiße ausgeführten Bilder deutschen Lebens und deut- scher Sitte sind zweifelsohne Ejgenthum des Dichters, während die plumpe' Darstellung vieler blutigen Abenteuer treuere Wiedergabe des Originals sein möchte. Merkwürdig ist die außerordentliche Seltenheit von Reflexionen. Wenige mittelalterliche Dichter verstanden darin so Maß zu halten, wie der Fleier. Ich führe einige der wenigen reflectierenden Stellen beispiels- balber an :
ez tuot vil wSy des dunket michy
swer grözer Sren ist gewon^
daz man in scheide da von
und in dar nach swache hat,
ich wasne, dem echame vil nähen gät. oder : swer ie rehte was gctnaot
der ist dem biderben manne hoU Bl. 40*.
auch kund er sich des wol bewaam Bl. 85%
dojs ieman sprceche : er spart daa guat
mit erge, als nu vil m^iniger tuot^
dem guot s6 nähe ze herzen gdt,
da>z er ez michels lieber hat
danne iht uf der erde, '
doch geltt in swoAsHem werde
sin Up, swie lieb im ist daz guot
swer mit gr6zem guote tuot
nieman deheine ire,
dem unrt sin doch niht m&re
niwan ein tuoch für sine schäm.
künigen vrqwen geschiht alsam.
wir miiezen alle sterben :
wol im der so kan werben,
daz er mit dem guote hie begdt, '
dßz dort diu s€le ruowe hdt
swer hie daz guot s6 minnet,
daz diu s^le dar umbe brinnet,
der hat niht rehte gevam,
da vor mileze göt bewam
die einen aUe geliche !
swelch m>an ist guotes riche
der ma^ hie ^e erwerben wol,
mit guote man verdienen sol Bl. 85 *
werUlich Sre und gotes hvlde
aO I. y. ZINOERLE
daz ist aÜes guotes übergulde. da gedenken an die riehen • und wizzen eicherlichen, swelch herre guot ze eire mmnet, dcui st vinSre. *) er sol auch s6 gar niht hin geben, er sol in rehier mäze leben, dag er wol herre müge gestn, und hohe daz {if die triwe nän daz wirt im/rum und Sre. Oärel der gar h^e künde wol bedenken daz, sin herze tagende nie vergaz. er künde hSrltchen geben und wol nach kümges rehte leben, swaz er gesprach, daz was eiL
Ganz weicht vom gewöhnlichen Tone der Erzählung folgende Stelle ab:
Eskilabön der degen klär werte wol sine bluomen lieht, ich het ir da gebrochen nieJU, wuer ich gewesen als ich nu bin : ich hcete gehabet wol den sin, daz ich siner bluomen het vermiten, ich wcere in den waU geriten und hcBte ir da gebrochen vil. für war ich iu daz sagen wil, ich haste im sine bluomen län, € ich in mit strtte hafte bestän, als Oärel von dem Blüenden tal, der het doch maniger bluomen wal üf dem velde andersufä. Bl. 28'.
Der Dichter versteht, wo er sich freier bewegt, geläufig zu erzählen. Als Verstoß fiel mir nur das öftere Vorkommen des Wortes verkam nach- einander auf. Der Dichter braucht es Bl. 167* und wird dann einige Seiten lang nicht müde, es zu wiederholen. Von außergewöhnlichen Spracheigen- heiten und Reimen konnte ich bei der mit so kurz gestatteten Benützung der Handschrift nichts entdecken.
Zum Schluße lasse, ich einige Stellen folgen , die theils des Inhaltes, theils der Darstellung wegen Beachtung verdienen und das in der Schrift : „Runkelstein und seine Fresken^ Mitgetheilte ergänzen mögen. Die Reihe
*■ das Hn unSr Hs,
Ober garel vom blühenden thal. si
dieser Stücke mag eine Stelle eröffnen , die nach meinem Dafiirhalten mit den früher mitgetheilten Versen aus Parzival (583, 8 ff.) in Beziehung steht.
JEnmitten im fürt siM ein lewe,
der gint wU "mit stner klewe,
dem ateket ze aller stunde
ein hanier in dem munde
und ist uz ere gegozzen dar
mit Hat, des sult ir nemen war,
swen des geluvte und des gezimt,
daz er die hanier nimt
dem lewen uz dem munde,
s6 humi im, an der stände
üz dem halse ein solich dSz,
dojg ist s6 michel und s6 gröz Bl. 109^
daz mxmz hoeret vagste breit
herre, daz si iu geseit:
swer dd ht ist nähen^
der muoz vil holde gdhen
dan od er hat den lip verlorn
von dem d6z (der) degen üzerkam.
Über Gareis Abkunft gibt uns das Gedicht folgende Aufschlüsse :
Mtn ene der wo,» genennet von Anschoiffe der künig Gandtn, ich nenne dir zw^ne der oeheim min. Gämuret ) der werde man der was min oeheim sunder wdn und Galoes der bruoder sin, der was auch der oeheim min. Aart&s der valsches loa und Oäwän, der tagende nie vergaz, die sint mir mägen heide. für war ich dir hescheide, s6 ist der werde Parcival dir ist herre üheral, • mhies oeheimes kint, min geslaJU was ie gein valsche blint. ich hin gehom vo^ Stire ^) min muoter Mez La/mire, von Anschowe Oandin
*) Oakmperi Hs. — ') Sii^mr : Lami^ Hi.
32 tV.21Kö£ftLC
hiez « ze Stire frowe sin,
min vaier heizet Meleranz,
des pris mit werdicheit ist ganz y
dem, dienet SUre daz lant,
s6 bin ich Oärel genomt £1. 32 '.
Von seinem Prädicate theiit Gare! selbst Folgendes mit :
Ein insel in dem mere lit
und ein hure unmdzen wtt,
diu ist zem Blüenden ') tat genant
M dem namen tvil ich sin bekanty
die l€ch mir der künic hAr,
wol täsent mark oder mir
giü si.zemjdre oder baz.
daz tet der künic umbe daz,
daz mir min lant ist verre.
m^n mag und ouch trän herre
hiez mich daz ich nwme darabe
swes ich bedorfte an vamder habe,
warn, mir min guot niht mac geframen
noch von Stire in Britanje kumeriy
wem rr^ lant ist verre,
d€tz bedähte an mir n^n herre.
von Britanje bin ich her geriten Bl. 33 \
Folgendes Bruchstück schildert Gareis Fahrt zu Eskilabons Garten :
Sus riten si mit vreuden gcur durch walt unde heide, ') in lichter ougenweide lie sich der meie schouwen, in ufcdt und in den ouwen diu kleinen vogeUn sungen, uf dem anger drungen die liehten blttomen durch daz gras, der meie in höher wirde was nach des winters grtse komen^ den kleinen vogelin was benamen mit vreuden al ir swcere, diu zit was vreuden bcBre, sus riten si dö beide mit vreuden über die heide von der wilde hin ze tal.
*) Mu dem bluom^n Bä, — ') durch den MMÜt em km4e B$,
n.
ÜBER GAREL VOM BLÜHENDEN THAL. ^3
dS hörten ei die nahtigal
den meien schöne grilezen
ndt ir geeomge aüezen.
diu zit was aiieze unde guoty
die ritter wären hSchffemuot,
in beiden was ze prtse gdch.
nu volgten si der strdze nach
von dem walde iJiJber den plan.
nu sähen si dort vor in stän
Belamunt die geh&rte,
diu was mit tii/rnen ge4rte
und mit einem palas riehen
gemüret Tneisterltchen, Bl. 25 ^
diu venster wit unde hoch.
der tac gein mittem mxyrgen z6ch,
diu burc was wol erbouwen.
Oärel begunde schouwen^
in einem herzen er des jach,
daz er nie schoener burc gesach
weder vordes noch stt
si was veste unde wit,
ein schefrastez wazzer da vür vUz,
daa was ze guoter m4ze gröz,
disehalbe ein anger lac,
dar ü/e man vil strites pßac,
Gärel sach den garten stän
vor im iif dem grüenen plan,
den umbe vie ein mihre h^ch,
dar inne mmi vil bluomen z6ch,
die nieman brechen solte^
wan der da striten wolte.
in dem garten stuont diu linde breit,
da von im Oilan hdte gesett, •
dar under stuont der epa/rwasre
der da brdhte daz vMKre
üf des Wirtes palas ^
s6 der kränz gebrochen was.
der wurzgarten was wol behuot
da bi stuont ein knappe guot,
den het der wirt geschaffet dat,
daa er nam des gcvrten wofr
hidiu naht wnde tao
3 '
34 I- y- ZIN6ERLE
V
und auch des sparwasres pflac.
der garten was wol bespart Bl. 25**.
und die bluomen wol bewart.
der knappe des ff arten slüzzel truoCy
der was s6 hövesch und s6 kluoc,
daz er die bluomen und daz gras
von unkrüte gar erlas. Mehr als in andern Gedichten von der Tafelrande treten die Zwerge hervor. Beinahe all die Züge, die in der dentschen Zwergensage vorkommen, werden hier von Albewin und seinen Gefährten berichtet. Im Walde wohnt der klage, reiche Zwergenkönig, der schön and höflich ist and große KQnste besitzt. Gefeite Schwerter and Zaaberringe hat and verfertigt er. Ich theile hier einige darauf bezügliche Brnchstücke mit Nachdem der Riese erschlagen war, zerstören die Zwerge dessen Barg.
si vuoren Mnz der kluse.
m
von des risen käse
m
vuorten diu getwerc ze hant
einen grSzen Jiort, den man da vant^
den het der starke Purddn Bl. 66^.
sicherlichen dne wdn
lange ze samene geleit.
d6 si die grdzen richeit
brdhten ObZ dem Mise,
do verbranten si die klOse,
daz gemii/re si zebrdc/ien,
ir zom si wol rächen
und swaz in ze leit het getan
daz übel uAp unde ir man.
diu swert und ouch das (sengwojnt^
dajg man noch bi den tSten vant,
daz nämen ouch diu getwerc
und brdhten ez in ir bere^
dar üz worfUen sH diu getwerc
zw6 hosen und einen haiMerc^ ^)
den dehein swert versneit.
Gär ein dem ritter gemeit
und einen heim vesten
den schoensten und den besten^
den ie man üf sin houbet gebanL
des was wol wert der wigani,
Oärelf dem ez wart gedäht,
^) hameieh Hi.
ÜBER OAREL VOM BLÜHENDEN THAL. j)g
M wart ez im ze gäbe bräht
von Alhewin dem werden m^m,
hie suin wir diz masre län. Die Zwerge sind im Besitze von Tarnkäpplein :
Nu kam in die hwrc dar
ZUG dem werden degenhlär
seihe vierde der künic Alhewtn,
die truogen tamkäppeUn, *)
dar inne sie niemmi sa^ch Bl. 63'. und d6 kom der wenige man
für ein (Gäreh) bette gegdn,
die tamkappen ^) er ahe zSch 63*. und später stn tamkappen leit er an^
nieman sach den kleinen mcm, 63 ^
ez ist umb mich also gewant,
swd ich wil varen m diu lant^
daz ist schiere getan,
s6 ich mXn tamkappen hdn, Bl. 67 ^
Albewtn der kleine man,
der leit sM tamkappen an,
dS sach sfn Gdrelniht m£r. BL 67*»
daa getwerc Albewtn
zoch ah die tamkappen sitn,
daz in min her 04rel sach, Bl. 70% *
Wie in unzählichen alten Sagen, sind auch hier die Zwerge des Waffen- schmiedens wohl kundig. Der König Albewin spricht, nachdem das Meer- nngethüm Walganus ') erlegt ist :
diu hüt sei niht Ine bestdn,
diu ist harte veste,
ein kursU daz beste
wil ich dar '&z. machen
mit listicUchen sachen
und einen heim und einen schilt,
dojs wizzet^ werder degen milt,
da^ nieman mae versr^den
und elliu wäffen müezen mtden
dtse h(d, diu ie wurden gesmit,
daz erziuge ich wol dfi mit, . ^
daz ir dcLg swert niht ersneit Bl. 67*.
i
*) tiMimehnäppel Hb. — *) tamehnapp&n Hs.
*) Wlpamu Hs. Das Ungethüm mahnt an den Wnnn Pfetän in Wigalois. — Walga- h^Ü bei Gottfried ron Monmonth Gawan : San-Marte Arthonage S. 161.
9*
S9 LY.ZINGERLE
Daft des Zwergenkönigs That hinter seinen Worten nicht zurückblieb, bezeugt folgende Stelle :
Innen des, dS si eben, dS kSmen geriten Über velt
m
viir des kllniges gezelt
zwelf getwerc hSrlichy
ir aUer kleider wären rieh,
ir phärit eohoene und guot genuoc,
ein starker aoufnßßr mit in truoc
ein hamasch, daz ei brdhten dar
schoene unde wol geva/r,
diu getwero vrdgten nubre,
wd der kii/inc wcere.
man eeite in, daz der künio tvas
mit höchztten Af dem gras.
diu getwerc gein dem ringe riten.
man enpfie ei da mit echoenen eiten,
ei erbeizten nider üf daz gras.
swas Volkes an dem ringe was,
diu schonten diu getwergelin,
der^ kleider gäben- liehien schin, .
diu wären spashelich gesniten.
do si an den rine kömen geriten,
ir sournar enluoden si ze hont
si wären nieman da bekant
dar ab nämen diu getwerc
zw6 hosen und einen halsbere,
den schoensten, den ie man gesach,
und ouch den besten, des manja^ch, BL 82 \
und einen schilt und ein cursU
und einen heim äne strit,
den besten, den ie man gebani^)
üf sin haubet mit stner hont.
diu vier wenige man
truogen für den künic dan
disiu prisent rSche
vil gezogenUche.
als, schiere, als si der künec sach,
er lachte vroeltch unde sprach: .
*got willekomen, Albewin,'
und ouch die gesellen di^i,
0 h4kmu Hf .
ÜBER GAREL VOM BLÜHENDEN THAL. jy
die min mir wes&n unllekomen.
ich JuBte auch gerne vemamen,
waz iuwer geverte meinet
Älbewtn der kleine
sprach : ^gnädcj, lieber herre min,
ich hän die hSchzit din
und ouch dich seihen gerne gesehen.
swaz iu ^en mac geschehen,
des hin ich von herzen vr6*
des dankte im der kümc dS
mit triuwen minnieltche.
Albetjüin der riche
hiez den ha/masch trafen dar,
schoene vnde lieht gevar
was daa hSrliche werc,
Albewtn daz getwerc
spraxih: *vil lieher herre min, BL 82".
diser hamasch sol wesen din,
den häfi ich dir ze stiure hrdhL
ich weiz wol, daa dir ist gedäht^
daz du in kurzen ztten
wild einen' Sturm striten,
ddmiuoz dir got den Itp bewam
und Idz dich sasUcliche gevam,
ich sage dir, lieber herre, daz
nie ritter wart gewdpent bcbz
dawne du, swefm du dich an geleist
und disen heim ibf dtm houbet treist
tmd den schiü vor diner hont:
nu wizze, kUener wigant,
s6 mac dich niht versniden,
aJUu wdffen müezen miden
disen hamasch, diu ie wurden gesmit :
ich hdn dir wol den Up gevrit
vor spers stichen \jmd swertes siegen,
daz wizze, {^ erweiter degen,
dir kan nu tiieman schade sin :
s6 spraxih der kümc Albeu^n
des gendt im vltzicltche
Gdrel, der kümc riche
wart der gäbe harte vrS,
den ha/masch schouiweten aUe d6.
jig I. y. ZIKOEBLE
die hosen und der halaberc .
was daz allersch&enste were,
daz ie ouge ane eäck, *)
dem heim und dem schilt man jach Bl. 82 '.
und auch dar zuo dem cursU,
81 wceren gar dn allen strtt
Bchoene imde veste
in allen wia. daz beste,
daz ie dehein fnan an gelit. ')
wedei* ze enge noch ze wU
was der Jjielm rtche
genuichet listicltche
uz stdl von Ardbtdt
üzer halb was er bld *)
diu varwe diu gab liehten sohtn.
mit einer Mute weitin *)
was er bezogen schone,
um den heim lag ein kröne,
die zierte mcmic edel stein.
die vische hüt mohte kein
wdffen wol gewinnen.
mit listiclichen sinnen
was der heim dd. mit bezogen.
der künic was des unbetrogfn :
der heim was veste unde guot.
des wart gehoehet im der muot.
auch was dem helde unervorht
uz der hinte ein eurstt geworld
mit vil gr6zer spwheit.
mit listen was dar in geleit
Smaragde und manic edel stein.
daz här von der hiute schein
vil bläwer danne Idzür gar, Bl. 83*.
röte meileßwer var
reht alsam die steme.-
man mohte ez sehen gerne,
diu varwe gab s6 lielUez brehen,
si mohie meman an gesehen
mit ougen keine lange vrist.
*) über saeh EU. — *) kein man an steh pelei$ Hi. — ») arsm- IoöBb. — *) Tgl. Wi- gftlois 25, 25. von einer hiute ¥i»eh§n, der här dae woi weitin.
Ober gabel vom blühenden thal. 39
wan der getwerge spteher liet^
80 wcBre si immer dd vor vrt,
daz kein smit sS künsüich et,
der die liste filnde,
der dar üs ikt künde
gemcLchen von ir herte, *)
wan ei sich des erwerte^
daz si dehein wäffen sneit
ze rehte lanc, ze rehte breit
was ein Jschilt dar üz geworht
Oäreln dem degen unervorht,
mit der Mute bezogen,
mich enhabe diu dventiure betrogen,
der was harte rtche^
dar üf vil meisterliche^
guldtn Spangen wären geslagen
dl umbe den rant, hörte ich sagen, ')
die zierte manic edel stein.
enmitten 'Cif dem schilte schein
ein pantel, daz was snS wtz,
dar an lac vil gt6zer vltz.
dar ob ein buckel guldin
von Aräbe, diu gc^ schtn BL 83*.
von roete als ein grSziu gluot
des noMes üz der vinster taot
des schiltes und der wdppen kleit
der was der werde künic gemeit
er m4>ht auch stn von schulden vr6,
wan in keinem rtche d6
man nindert bezzer hamasch vant,
des jähen die ritter alle sant
und swer den guoten hamasch sach,
ich warne der auch des selben jach,
er gescehe nie wäppenkleit s6 rieh
und ander guot dem gelich.
Oärel an der selben etat
den hamasch schöne behauen bat
und dankte Albewtne ')
dem lieben vriunt ^ne.
An die alte Mythe von Medusa klingt das über Walganns Erzählte an.
^) hauU Em. -^') ahmbf auf dem Em. — ') Albeine Hf .
40 I- V. ZINOEBLE, ÜBER GAREL VOM BLÜHENDEN THAL.
Wer das Haupt dieses ünkunders erblickte, war verloren. Um es unschädlich zu machen , lässt es Garel auf des klugen Zwergenkönigs Rath in die Tiefe des Meeres versenken :
Der. marmer vuorte daz houbet hin
in ein vil wildez lant,
daz ist noch diu Satellege genant
da koment ze aamen geltcihe
diu vier mer sicherliche,
da>z ist noch numigem manne kunt.
d6 warf erz houbet an den grünt.
dS ez was an den grünt komen, *)
ich sage iu, als ich hän vemomen^
da^ mer huob sich von ^/runde^
wüeten ez begunde
s6 s4rc^ daz der wise man
sin leben brdhte kum^e dan,
daz ist noch manigem man erkant.
ze der Wolfsateliege genant
ist diu stat, dd das houbet Itt
da» mer da wiietet zaUer ztty
da muoz er unz an suonta^ geligen. Bl. 74 ^
Eine reiche Ausbeute gibt Garel fnr Althumskuude. Denn mit besonde- rer Vorliebe schildert der Pleier das Leben und die Sitten der damaligen Zeit, es wäre demnach gewiss wünschenswerth , daß dies Gedicht, das sich mit aödern, bereits veröffentlichten Artusromanen 'gar wohl messen kann, endlich herausgegeben werde.
Wir schließen diese Skizze mit einer Stelle, die der Pleier der Königin Gloutite in den Mund legt und deren Inhalt in den Rittergedichten des Mit- telalters so oft wiederkehrt :
Min muot stuont niht nach minne. ich geddht in minem sinne : minne ist ein sendiu nSty von mimten ist gelegen tSt min swester unde manic wip, ouch hdt verlorn stnen lip von der minne vil manic man. vil ofte ich da>z vemomen hän. ich ddhte, ich tvil der minne kraß fliehen tmd ir geselleschaft.
*) d^ das houbet w<u Hs. — *) nrnntoff Es,
FRANZ STARK, ÜBER GERMANISCHE PERSONENNAMEN. 41
8ti8 woUe ich mirme mich verwegen und wolte keines humbers pflegen nach liehe, als noch vil manic wtp . • quelt näph herzelieb ir Up,
I. V. ZINGERLE.
ÜBER GERMANISCHE PERSONEMAMEN.
3.
Der altD. Name Sdmr im über originum Islandiae und historia Hrafhkells Codi (Saxo ed. Müller S. 377 Note 2) daYf wohl ohne Bedenken durch altn. 9ämr lapus ; gigas (eigentlich fuscus) erklärt werden. Daß Sanibar (Saxo VIII. S. 377) gleichfalk dazu gehöre, scheint Müller a. a. 0. anzunehmen, ob- gleich der Vokal in sam- nicht als lang bezeichnet ist. Den Auslaut bar bestätigen Bari, Scumbar, Orombar (Saxo VIII. S. 378, 382, 383).
Mehr als zweifelhaft ist es , ob in gleicher Weise zu erklären seien die ahd. Namen '
8(mo a. 827'.Neug. n. 228,
Samdrud a. 821 Ried n. 21 manc.
Samuuih a. 812 Dronke Corp. trad. Fnld. n. 269 manc.
Samudn sec. 9. Pol. Rem. 22, 6 ; 44, 20.
Samanildis sec. 8. Pol. Irm. 22 [A].
Samanoli a. 838 Schann. Corp. tr. F. n. 434. da sich der Stamm sdm in den In der nordischen Sprache üblichen Be- deutungen im ahd. nicht nachweisen lässt. Auch die Sprache der Gothen, Angelsachsen, Sachsen und Friesen hat das Wort nicht gekannt oder früh verloren. Es muß daher fnr den Anlaut der genannten Namen ein anderes Etymon gesucht werden.
Förstemann ist S. 1070 nicht abgeneigt ahd. samo idem, SBqualis her- beizuziehen und glaubt für diese Annahme eme Stütze zu finden in den mit ^^n aequus zusammengesetzten Namen. Doch abgesehen davon, daß die Bedeutung dieser beiden Stämme zur Namenbildung wenig geeignet erscheint, ^rd nicht überflüssig sein zu sehen, in welchen Namen das Adj. eban be- gegnet. Förstemann nennt S.36b:
tieno a. 864 Schann. Corp tr. Fuld. n. 497 und
tXxwleob sec. 9. Dronke, Corp. tr. Fuld. nr. 640 (mancip.). Auch findet sich bei Dronke nr. 447 a. 824 JEbanoU; da Sehannat Qr. 359 EbaroU liest, so wird jene Form zweifelhaft. Auch Ebeno ist nicht ouoder ansicher, denn Dronke nr.. 587 hat dafür Äeboeno, das wohl = 4f>uin
42 FRANZ STARK
ZU fassen ist, und es bleibt nur jEbanleob unangefochten. Lassen wir aber die Formen EbenOj Ebcmleob und JE^otm^J^ als richtig gelten, ihre Erklärong durch ehan aequus ist desshalb nicht gesichert, auch nicht nothwendig. Sollten diese Namen nicht vielmehr zu einem Stamme eh, ib zu stellen sein-, der in JE^ardeob und J^^anoZ^ erweiteit auftritt? Ähnliche Bildung zeigen Haganolf ^. 876 Dronke Trad. et antiquit. Fuld. II. c. 4. 6. 171, Heidanrih a. 804 Dronke, Cod. tr. Fuld. n. 219, Inganulf Pol Irm., 136, 21, Madanulf das. 276, 35, auch SamaniÜ und Samanolt; mit Ebeno aber smd zu vergleichen die Formen Ägeno Cod. Lauresh. ed. Manh. 111. n. 3800, Ägeno Pol. Irm. 13, 51, Dagena das. 120, 5, Dadenua a. 828 das. App. s. 345 n. 9, Hadena das. 26, 13, Hel/enussL, 786 Schöpflin Alsat. dipL n. 62, Hemenua das. n.75 a. 810 , Ragenus Pol. Irm. 69 , 81 ; 206, 46. Die Annahme eines Stammes eban für germanische Kamen ist denmach ganz ungerechtfertigt, und es wird aus ihm dem Etymon aamo s^qualis durchaus keine Stütze erwachsen kön- nen. Geeigneter fdr die. Erklärung obiger Namen erscheint das von Förste- mann verschmähte ahd. aämo^ falls, wie bei adal genus und htirt partos,^} eine Erweiterung der Begriffe semen, origo zu prosapia, nobilitas, trotz iw fehlenden Belege , angenommen werden darf. Nicht zu übersehen ist gleich- falls, wenn es auch weiter abliegt, goth. samjan d^icke$v gefallen, sich ge- fallig machen, altn. aemja pacem facere, modßrare, temperare, samt m. pac- tum, foßdus. Ein der Bedeutung nach analoges Etymon zeigen die mit ktiU '} componierten Namen, und wenn die Hinweisung auf sie dieser Erklärung eine Stütze zu bieten vermag, so ist sie gewiss haltbarer, als die von ebcsn. Nicht unwichtig in diesem Falle ist femer, daß im Altnordischen das Appellativ semingr pacificator (vgl. altn. stiUir moderator, poetisch rex) auch als Manns- name erscheint.
Ob nun »dm oder sam als Stamm anzusetzen sei, soll noch unentschie- den bleiben. Für ersteren spricht vielleicht, daß in den bis jetzt bekannten, hieher gehörigen Namen der Vokal des anlautenden Stanunes keinen Umlant zeigt.
4.
•
Niemand, der mit unserer Lautlehre auch nur halb vertraut ist, wird die Mannsnamen
Brado a. 615 Pardessu L s. 211 n. 230,
Haimbradus Pol. Rem. 85, 29,
Ermbradua Pol. Irm. 11, 33; 36, 32; 197, 7, und die Frauennamen
') Yergl. meine Beitr&ge zur Kunde germanischer Personennamen , SitzongsberidiCe d. pUlos.-histor. Ol. der kais. Akademie der Wissenschaften. XXm. Bd. s. 666 fg.
') Vergl. ahd. sHUian mitigarf, m«deri, comprimere. Beitiig« q. s. w. a. a. 0. s. 672 %.
ÜBER GERMANISCHE PERSONENNAMEN. 43
Hmnbrada Pol. Irm. 85, 32,
Ermbrada (Tochterdes Ermbradus) Pol. Irm. 197, 7; 213, 4ft,
Membrada Pol. Rem. 46, 35, mit den ahd. Eigennamen JBruohbraht, Drudpraht, Erlapraht, Folapraht, HunjpraJit, Rumpraht, Swarmpraht, Werpraht zusammenstellen. Nichts desto weniger könnte geltend gemacht werden, daß der bei Moser, Osnabr. Gesch. n. s. 73 n. 58 a. 1160, unter den Ministerialen der osnabrückischen Kirche genannte Wicbrads, 80 n. 61 Wicbert geschrieben wird, und daß vielleicht auch das westfränkische -h^ad als dialectische Eigenheit aufzu- fassen sei. Dem gegenüber ist die Verschiedenheit der Urkunden nach Zeit und Ort zu berücksichtigen und nicht zu übersehen, daß die beiden Typtychen, denen die bezüglichen Mamen zufallen, und auch die Urkunden bei Pardessus statt des dii^perdht, prdht u. s. w. an- und auslautend stets die Formen ]pertt bertj häufig auch vert, doch dieses nur im Auslaute, nachweisen, während io den Osnabr. Urkunden brath,brat, brad, breth, brecht und bert neben ein- ander stehen und durch einander laufen. Man vergleiche Oisilbrath, Huc- braih, Reginbratk s. 19 n. 21 a. 1049, Ädelbreth s. 26 n. 26 a. 1070, Adal- brath s. 45 n. 38 a. 1068— 1Ö88, Eilbraht, Werenbraht, Atkelbertus, Engel- berius s. 69 n. 55 a. 1149, Athelbraty Eilbrat, Lantbrat, Rotbrat, Rutbrat s. 71 n. 56 a. 1150, Rotbertus n. 57 a. 1150, Lambrecht s. 60 n. 50 a. 1120, LambrcuL s. 73 n. 58 a. 1 160 u. a.
Aber ist denn in obigen Namen ein Namen brad anzunehmen, oder nicht \ielmehr mit Förstemann Bardo zu lesen statt Brado^ in den übrigen Namen jedoch das inlautende b als euphonische Einschaltung und radusy rada ak anslaatender Stamm zu nehmen? Auch in Ambla, Amblard, Amblulf, Orimbland^ Orambricus wird von dem Verfasser des Althochdeutschen Namenbaches s. 193 unorganisches b gesehen, bestimmt den Zusammenstoß der Liquiden zu «verhindern , und Hilmptrud und Ahnpni werden als ähn- tiche Bildungen angeschlossen.
Ehe nun der Versuch gemacht wird, dieser Ansicht gegenüber den Stamm brad sicher zu stellen, sollen die zuletzt genannten Namen vorerst genauer besehen und geprüft werden.
Es sei mit Ahnpni Verbrüderungsbuch v. St. Peter 43 , 7 der Anfang gemacht*) Das Verderbniss dieses Namens ist zweifellos, die sichere
^) Das Yerbrüdeniiigsbach enthält noch mehrere , schon in der Handschrift verderbte KiBeii; die richtige Form einiger herzasteilen mag hier versucht werden.
mrminhiU 40, 21, .von FOrstemann, der sich vielleicht durch WcmnentÜdu Irm. 186 , 58 irreleiten lieS, s. 1270 zu WarinhiU gesteWt, ist wahrscheinlicher in AtnntnAt7^ za bessern. ^gL dat. hirminpetht 37/ 9 hirminhart 58, 2 hirminsuind 76, 30.
atohrco 40, 57, von Förstemann s. 110 als Äsoricho anfgefasst, möchte ich in asohroe vtfbMsenL Vgl. das. tmro/i 43, 8 uuol/roc 22, 24 hrohine 68, 5 hrohhart 54, 19 rocieheri ^2dkrav€ho^d8, 16 roceolf^T, 18 hrocholflh, 12 und 35.
IMm 4!^, 9, schwerlich eine Abkürzung von hiltimuQt, ist, wenn männlich, gleich den
44 , FRANZ STARR
Herstellung der rechten Form ist bedingt durch das Geschlecht seines Trägers. Als Frauenname ist er Alpni zu lesen, wie 41, 6 uad 9; 104, 36; 105, 10, als Mannsname Alpuni, wie 56, 9 ein Priester, oder Almuni statt Anuduni, wie in den trad. Wizeburg. a. 740. Man ver- gleiche Almabertua a. 579 Pard. n. 186, Almeprand (Langobarde) sec. 9 Pertz III. 253, 3 (Hlud. et üloth. capit.)) Almarich a. 1083 Hontheun, hist Trevir. I. n. 286, Almerich a. 970 Lupus II. n. 295 und Ho'nth. 1. n. 194 a. 975 — sodann im Yerbrüderungsbuch adaluni 7, 19, allmni 52, 33, astuni 94« 38, perhtuni 33, 7, helmuni 88, 30. Von einem euphonischen Labial kann in Almprd durchwegs keine Rede sein. Ebenso wenig bei dem Namen Ambla Pol. Rem. 50, 71 , wo offenbar eine aus dem Stamme amb gebildete, jedoch verkürzte Diminutivform vorliegt. Das Typt. Rem. weist solche Bildongen in ziemlicher Menge, so Aitlus 42, 4 Aitla 50, 74 Dairda 51, 79 Oerla 64, 8 GobUl 50, 67 Haürda 55, 118 Hroüus 70, 28 Hrotla 35, 19 Watda 50, 74,*) nicht minder das typt. Irm. in Aitlus 96, 147 AiÜa 9, 18; 77* Daüa 261, 120 Dedla 139, 42 Hei^lus 229, 8 Äia92, 115 Hida 111, 278 Jfer- lu8 142, 59 Serlus 134, 12 und der App. Marcaß Ilispan. in den Hanna- namen Danla (presb.) s. 899 n. 112 a. 972, Erirda s.811 n. 41 a. 879, Sanla und Spatda s. 801 n. 37 a. 878 iSpanila s. 802 n. 87 a. 878; s.804 n. 39 u. s. 806 n. 40 a. 879) Vsla s. 824 n. 52 a. 890.
Zu dem früher genannten Stamm amb , der in nr. 3 meiner Beiträge nachgewiesen ist, gehören auch And>lardu>s (ep. Lugdun.) Pertz X, 322, 3 (Hugonis chron.) und a. 933 Hist de Langued. II. n. 56 und Amblulfue sec. 9« Pertz IX, 104, 32; 129', 18; 132, 36 (Chron. Novalic. und app.), Amphd^ fus das. s. 107, 44, aber slucIi Amhlinus (decanus) a. 854 Pertz III, 429, 43 (Kar. IL capit.), bei Förstemann s. 72 zu Amalinus gestellt. Wegen AnfAU^ ims sind zu vergleichen im Pol. Rem. Hrodelina 35, 19 Marclinas 43, II Morlenus 22, 4 Norlinus 50, 71 Wandelina 34, 17 u. v. a. ; in den beiden ersteren Namen ist aber nicht b, sondern l der eingeschaltete Buchstabe, und letzeres gehört wahrscheinlich zu der Erweiterung des anlautenden Stammes mittelst der Silbe -le oder il, deren Vokal abgefallen ist Belege f8r
Namen alpun 99, 6 pasun 66, 21 perhtunSS, 23, hiltun, wenn weiblich, hiltini 107, IS; 160, 36 zu lesen.
numhari 83, 6, welchen Namen Förstemann, der im Anlaute num eine Erweitemng dM Stammes nor sieht, identisch hält mit noriher (mancip.) Cod. Lanresh. (Ed. Maoh.) I. n. 809, halte ich für verderbt aus uurmhari, vgl. das. uurmheri 42, 49; 90, 24, und uurmhart 42, 23; 91, 33. In den Namen des Yerbrüderungsbuches wechseln an- und aus- lautend heri und hari. Vgl. uuinidhari 17, 5 uuillihari 20, 4 ui*alahar% 89,' 30 u. ▼. a.
^) Nicht ungewöhnlich sind darneben die vollen Formen Achilo 51, 78 Andela 48, 66; 61, 15 Anelus 95, 17 An^lla 64, 6 Avila 57, 127 Badüa^, 47 und 49 Bavilo 96 , 20 Bavüa 50, 69 I>ahilo 49, 62 Darila 51, 82 Dedela 73, 43 Dodilo 58» Dodüa 46, 33; 64^ 110; 65, 14 Edüa 78, 73 Euuila 4, 5 Oodila 86, 36 Erodüa 9, 21 ; 49, 59 Idela 60 11 MOo 33, 7 Oddlus 86, 36 Radila 67 13.
ÜBER GERMANISCHE PERSONENNAMEN. 45
^eses l sind kaum nöthig, doch mögen einige Beispiele hier Platz finden. Au8 dem Polypt. Irm. Airlildis 137, 30 Frotlildis 119, 3; 150, 109 Ohir- mdis 160, 110 Gautiadi8l47, 87; 150 110 Wailulf 148, 94; 149, 108 Wiclelm 188, 72 Wiclildis 146, 84, dann Garilvlf a. 700 Pard. H. s. 257 n.472, libertus (testam. Ermentrudis), Ghirlulfus a. 780 — 810 Verbrüde- nmgsbach 115, 5 Cundlold a. 812 Neugart n. 175.
Was noch besonders Ainblulfus, den Namen des abbas Novalicensis, betrifFt, so ist zu bemerken, daß dessen reine Form Amhulfus in der vita Heldradi c. 1, 4 acta SS. Martins tom. IL s. 333 e f. enthalten ist.
Wenden wir uns nun zu dem Namen Orombricus Polypt Irm. 209, 8, Fdrstemann stellt ihn s.552 zu „ahd.^^m viridis, vielleicht in einer älteren Bedeutung blfihend,^ und setzt als seine eigentliche Form Qrönricus an, übersieht aber, daß er, um das eingeschaltete h halbwegs rechtfertigen zu können, etsX QrSmricua muß entstehen Tassen, wozu durchaus kern Grund Torhanden ist, wie die Namen des Polypt. Sem. ^znro^a 40, 6 Hainradus 37, 52 HainrioAS, Ermenricus 9, 24 Ermenrada 13 2, Onrada 84, 20 ge- nügend darthun. Meiner Ansicht nach gehört Orombricus durch seinen An- laut zu Crumpald a. 808 Ried s. 10 n. 14 — Orumhaldus de Route c. a. 1 220 tTttd. Ranshof. Mon. boica III. s. 281 n. 130 — Orurnbolt (Henr. de Gr.) a. 1277 Wenk Urkb. z. 3. Bd. der Hess. Landesgesch. I., s. 48 n. 67 — Orom^ bertua Polypt. Irm. 209 , 6 , und ist es sicher verfehlt , daß Förstemann diese Namen nicht auseinander hält von Croon a. 782 Meichelb. I. s. 85 n. l Cruan a. 816 das. s. 184 n.346 — Oruna a. 964 Honth. 1. 180 (manc.) — Oroant (mancip.) a. 817 Meichelb. s. 191 n. 364 — Cronhart das. s. 166 n. 312 — CWioiiAar^a. 816 das. s. 184 n. 346 — Oruonmuot Goldast, rer. Alam. scr. IL 100 •, welche Namen durch ahd. cröni arrogantia (Graff 4; 612 fg.), doch wahrscheinlich in der Bedeutung superbia, gloria, eine passende Erklärung finden. Zwar liegt es nahe anzunehmen, daß in ersterer Namenreihe m durch den folgenden Labial h aus ursprünglichem n entstanden sei \ aliein es bietet sich auch Orumoldus a. 667 Pard. s. 145 n. 358, und es wird der Annahme eines Stammes gram kaum ein gegründetes Bedenken entgegentreten , wenn er auch vorläufig ohne Erklärung bleibt. Was aber Orombricus anbelangt, 80 steht dieser Name mit Rücksicht auf den Auslaut im Polypt. Irm. keines- wegs vereinzelt; dort steht auch Ainbricus 206, 45, bei Förstemann nicht angef&hrt, und Ambricus 72, 18,- dort unter einen Stamm aml>r gestellt.*) Mag nun letzterer Name wie Förstemann will oder = Amb-ricv^s aufgefasst werden, Ainbricus lässt sich weder als Ain-b-ricus , noch weniger als Ainb-
^) In meinen Beiträgen habe ich Ambrico = Amh^riehut genommen. Dagegen ^rifht, da6 jener Name mit wenigen Aasnahmen stets in schwacher Form auftritt, die in den betreffenden üxkiinden nnr der Koseform eigen ist. Wird daher in Ambrico eine solche eriuumt nnd demzufolge ein Stanim amhr zugelassep , so hat sich dieser sonderbarer Weise einiig in dieiem Namen erhalten.
46 FRANZ STARK
ricüs nehmen, sondern nur als Ain-rbricus. Man vergleiche bei Irm. Ainbal^ dvs 115, 301, Ainbodus, Ainildia 259, 108, Ainradua 234, 55 and rot allen Ainricus 230, 24. Die Namen Bricia Pol. Irm. 207, 48 BrieeoldPoi Rem. 33, 3 und Brecosind a. 931 Ilist. de Langued. IL, s. 66 n.52 zeigen gleichfalls den Stamm bric, dessen Erklärung fiir später aufbewahrt bleibt Albricus Irm. 84, 50, dessen Bruder Albuinus heißt, schließt sich hier nicht an.
Wir kommen nun zu dem Namen der ancilla Eßlmptrud sec. II Mon. boica VI. s. 59. Hier lässt sich p kaum als euphonische Einschaltong betrachten; meine Sprach Werkzeuge widerstreben dieser Annahme. Viel- leicht ist Hilmtrud, Hüptrud, Htldtrud oder Himildrud zu lesen. Leiste«* ren Namen führt eine Leibeigene das. s.34 n. 5 a. 1048 — 1068.
Es bleibt somit als Beispiel eines zwischen m und l eingeschalteten b nur der Name des Kanzlers Lothar des 11. , Orimhlandus a. 867 Maratori, antiquit. Italiae II. s. 122, der bei Pertz I. 477. ad a. 868 und in der epi» stola Lotharii regis ad Nicolaum I. papam a. 867 (Bouquet VIT., 669*) Qrimlandus geschrieben wird. Dieser eine Fall aber wird zu aasgedehoten Folgerungen um so weniger berechtigen , da Bildungen wie OrimUndis IroL 183, 35; 221, 50; 250, 33; 159, 108 Erndint sec. 11 Mon. boica VI. s. 17 n. 2 Haimla Polypt. Rem. 55, 118 nicht ungewöhnlich sind, obigem Namen dagegen kein weiterer Beleg hinzugefügt werden kann.
Doch auch bei Hontheim I. n. 106 a. 868 unterzeichnet in einer exemtio monasterii S. Maximini per Lotharium regem ein Notar Orinüandus, der aber nach der Ansicht des Herausgebers in Note c niemand anders sein soD, ab der St. Galler Abt OrimcUd, welcher ebendas. n. 107 a. 870 als Kanzler des König Ludwig unterschreibt, und bei Kausler, Pertz I., Mon. boica VI. und sonst noch öfter gefunden wird. Bouquet erklärt VIII., 413 diese Urkunde für unächt und bemerkt nebst anderem, indem er den Namen Qrindand fest-* hält , daß im Jahre 868 nicht Notar sein könne , wer ein Jahr vorher KaDi<* 1er war.
Nach dieser Würdigung des inlautenden h in den besprochenen Namen gelangen wir endlich zu jenen, die an der Spitze dieser Untersuchung stehen. Die beleuchteten, von Förstemann mit JSrmbrada u. s. w. als analog be- zeichneten Beispiele sind, wie ich dargelegt zu haben glaube, kebeswegs geignet, auch bei diesem die Annahme eines euphonischen ^ zu Jiräftigeo. Überdies zeigen Bildungen der beiden Typtychen, wie Etmenrada Rem. 13, 2 Irm. 104, 207 Haimerada Rem. 54, 113, Hümet^adus das. 86, 39 JFVo- mericus Rem. 82, 5 Irm. 107, 236, Haimericus Rem. 55, 118 u. v. a. deut- lich genug, durch welche Mittel der Zusammenstoß der Liquiden m und r vermieden wurde, wenn man ihn vermeiden wollte , Wam\edrannu8 Irm. 45, 59 und Haimtrada Rem. 73 , 45 aber lehren uns den Consonanten kennen, der in diesem Falle zwischen die beiden Namenglieder bisweilen eingeschaltet
ÜBER GERMANISCHE PERSONENNAMEN. 47
wurde. Aber m und r sind nicht so unverträglich , daß sie eines vermitteln- den b nothwendig bedürften, den Beweis dafür liefern Haimrad a. 757 Trad. Wizeb. n. 139, Heimrad sec. 8 Cod. Lauresh. (Ed. Manh.) n. 313, Heim- fioa^ Yerbrüdernngsb. 42, 36, Heimram das. 110, 40, Heimrammus a. 710 Bied n. 1 und a. 772 Meichlb. 1. s. 43 n. 26, Haimricus 810 Pertz 1. 198, 9, Ebwokradus Polypt. Rem. 40, 4 sicher zur Genüge. '
Was- also steht denn im Wege in den bezeichneten Namen einen Stamm brad anzuerkennen? Stichhaltige lautliche Gründe können nicht geltend gemacht werden ; es müßte sonst in Ermbrandus Jrm. 72, 9 und Maimhrumis Rem. 54, 110 in denen -brand und -bTCun durch anderweitige Gründe gesichert sind, ein eingeschaltet A vermuthet werden, und andere Bedenken sind nicht zum Vorschein gekommen. Ja das anlautende b eignet gerade diesen Stamm gttiz besonders zum Anschlüsse an ein mit m auslautendes . Compositions- glied, da ja bekanntlich diese beiden Labiale gerne sich binden, und in Maimbrad, Ermbrad, Mennbrad ist die Verbindung gewiss nicht weniger natOrlich als in Ermbertaa Irm. 44, 55 Ermholdm 80 , 25 Ermbolda 202, 23 Sambertus Rem. 32, 4 Maimhodo Irm. app. s. 357 n. 21 Ermbrandus^ Maimbrunus.
Die anfangs genannten sechs Namen sind aber nicht die einzigen, welche diesen Stamm nachweisen , noch schließt sieb hier an Bradm^ondus (Notar) a. 850 Herg. Geneal. dipl. aug. gentis Habsburg II. s. 29 u.52 ^) und Bra- däa (masc.) a. 879 Marca Hisp. s. 806 n. 39 und a. 901 s. 835 n. 60. Auch die neuhochdeutschen Familiennamen Brade, Brodel heranzuziehen wird nicht überflüssig sein.
Soll endlich brad erklärt werden , so wird ahd. prcU, eigentlich prart, frort ora, prora^ labium (Graff 3, 313), altn.. broddr aculeus, telum (vergl. mr. 5 meiner Beiträge) keine Berücksichtigung finden können. Viel näher liegt und auch begründeter ist die Vermuthung , daß die mit bi^ad gebilde- ten Namen an ahd. prädam, ags. brad odor, jedoch in'der übertragenen Be- deutung fervor animi, mentis, gleich furor, Kriegswuth, aufgefasst, sich anlehnen» doch will ich auch erinnern an altn. 6radr citus, brada accel- lertre (Granmi. 1 % 45j5), das freilich in den verwandten Sprachen ver- misst wird.
WIEN. ' . • FRANZ STARK.
*) Naeh Kopp Palaeogr. I. 429 Ut diese Urkunde nnächt.
48 JACOB GRIMM
ZU DEN ALTDEUTSCHEN GESPRÄCHEN.
Dies dem inhalt und der spräche nach sehr rohe, dem naiven colloquimn Älfrici weit nachstehende denkmal enthält doch einige sonst unbekannte, le- bendige Wörter und reicht gleichfalls in das zehnte Jahrhundert zurück, ein glücklicher zufall hat die beiden blätter aus Rom und Paris wieder zusammen geführt und man wird gereizt ihren sinn völlig herauszubringen, vieles ist schon von meinem bruder gut erklärt, einiges aber, wie mir scheint, nicht getroffen worden,
16. guare uengelinaz selida gueselle, ubi abuisti mansionem ac nocte com« pagn. das versuchte wären gelina az selido ist unstatthaft, leicht sieht mao, dasz nazselida zusammen gehört und nachtherberge bedeutet, dem mansio- nem hac nocte entsprechend, wie z überhaupt hervorgieng aus th (gesch. der d. spr. 396), so ist hier naz geschrieben fiir nath und dies für naht, zur yoU len bestätigung dient inaz 24 = hinaht, ja man könnte in unsrer stelle das- selbe inaz vermuten, liesze sich dann uengil deuten, nahtselida verbindet sich wie hüsselida in der folgenden zeile oder sonst' burgselida, fahan ab^ ist das verbum dazu, Parz. 638, 6 vom stem : wand er der naht herberge vienc. das u in uenge ist v oder f, wie in gauathere 101 und das e ist S, wie in guez, enbez == weiz, eubeiz. wiezuverstehn ist aber das angehängte li? ich suche darin eine enclitische partikel und vei'gleiche zunächst das ahd. le, lio bei Graff 2, 31, 33, .auch die Schlettstädter glossen bei Haupt 5, 343 geben: interjectio deprecantis, quod in nostra lingua dicitur le vel leo, sicut est lio dua daz, und bei Notker Boeth. 46 heiszt es: waz muost tu mih lio tage- liches mit tinen chlagon , quid tu o homo ream me cotidianis« agis qnerelis ? noch heute ist dem kam tnerischen dialect geläufig lei einzuwerfen, wovon Lexer in Frommans zcfitschrift 3, 309, 310 beispiele gibt, er vergleicht es dem bekannten halt. Schmeller 2, 405 hat vom obern Inn und aus dem Zil- lerthal her ein ähnliches la: schau la! gula! was ans ags. la, westfäl. la, lo, Schweiz, lo (gramm. 4, 290) mahnt, der ruf kann leicht in frage übergehen, in unsrer stelle ist li deutlich fragend und dem li gleich, das die Slaven hm der frage ans verbum hängen, es genügt auf Jungmann und Linde zu ver- weisen, unsere alten fragpartikeln sind meistens erloschen, nach dem Wechsel zwischen 1 und n dürfte man li, la selbst dem ahd. na (gramm. 3, 765) ver- gleichen, reinahd. ausgedrückt lautet der satz: hwärfiengili nahtselida giseüo?
16. ist sicher ze, nicht te zu lesen, t für z widerstrebt dem ganzen, ofifenbar fränkischen denkmal und der zug am fusze des buchstabs drückt das z aus. die Schreibung geraben garaben ist wie terue, semanda, canet and gibt keinen aufschlusz über grävo.
18. e cunt simino dodon'H, de domo dominimei. vorerst will ichdodon'
zu DEN ALTDEUTSCHEN GESPRÄCHEN. 49
erklären, das zu lesen ist dodones, wie lat tep* man' für tempns manns siebt, dodones aber ist gen. von dodan ^ goth. ])iudans, ags. ])eoden, alts. thiodan theodan rex, dominus, Totonis villa heiszt in Urkunden Thion- ville. das o oder besser 6 in der ersten silbe zeigt verengtes iu, io wie in 6r vester für iuwar , iur , im Essener bruchsttick findet sich hödigo für biuta, hiutagö. cunt für cumuoder cume venio, wie nochmals in der näch- sten Zeile, fallt auf, gleicht aber dem habent für habem oder haben 48, wo fie flexion en das t herbeigerufen haben könnte , wie das m in cume zu cunt lurde, m hätte freilich ein cump veranlassen' können, wie in kompt für kommt, man musz bei kunt liir kumu den unterdrückten vocalauslaut anschlagen, der bier consonantisch vergröbert nachwirkt (vgl. nnl. boompje und boomtje, Umnchen). das folgende si scheint Verkürzung der praep. äzsi, üz, bedarf aber noch mehr belege, mino dodones hus zieht das possessivum von dodones ra faos, wie auch wol sonst geschieht, vgl. 43.
19. e cunt mer min erre us, (venio)de domo senioris mei. hier ist dem cunt = cume noch der dat. des persönlichen pronomens beigefügt , ganz wie guas loer 21 für was mir steht, und enb^z mer 23 für 6nbeiz (gramm. 4, 34. 36). noch später heiszt es in einem liede (bergreien s. 121):
ich katn mir zfi einem tanze, binter dem mer scheint aber die zu min erre us erforderliche praep. ausge- Mlen, wie auch erre für herren oder herron steht, wäre das vermutete si Ar Qzsi richtig, so sollte es heiszen: si mines herren hüs. der hßrro senior QDterscheidet sich vom diotan dominus, und auch 28. 31. 33. 43. 49. 63. 64. 71. 72. 80. 81 druckt herro immer senior, in der formet frömin 14 frö gleich- ^ dominus aus.
24. guaren ger inaz ze mettina, ohne latein, welches lauten müste :
fuisti hac nocte ad matutinas ? goaren ist wären fiir. wäret, inaz ist hinaht, heint. in hinaht zi mettina liegt locbts unrechtes, da wir ganz gewöhnlich sagen heute zu tag, heint nacht, nibd. hinaht bt dirre naht, hinaht dise naht^ so ist hinaht zi mettina voll- b>mmen zulässig.
43. minerro guillo tinesprachen, senior mens vult loqui tecum. ist rich- tig gegeben : min h^rro wille (will) dina sprächun, er verlangt deine spräche abverlangt dich zu sprechen, so sagen wir heute noch: ich wünsche mir deinen umgang, deine Unterhaltung statt ich wünsche mit dir umzugehn, mit & mich zu unterhalten, gerade so in der edda SsBm. 172^
her er madr üti ökudr kominn, sä vill, fylkir, .fnnd ])inn hafa. 48. 74. ne tropfon für nihil bestätigt meine gramm. 3, 730 gegebenen «iUrongen, die Graff5, 527.529 übel in zweifei zog, so deutlich schon das französische ne goutte (gramm. 3 , 749) , das churwälsche nagutta = nihil xastimmt. heiszt es doch im mnl. Brandanus 380 enen dropel niet
50 JACOB GRIMM» ZU DEN ALTDEUTSCHEN GESPRÄCHEN.
63. guez or erre az pede semauda geren sclephen pedez aip sesterai lebulga, si sciuerit hoc senior tuas iratns erit tibi per menm capnt pi dia smahida aus pede semauda wird falsch geraten sein, semauda ist smauda und der diphthong au begegnet in auren aures 3, in firau 106 so wie dem bedenklichen frauma 85. da nun Schmeller 3, 465 schmaueln, schmaudeln, 3, 466 schmudeln, 3, 462 schmauzeln für liebkosen, schmeicheln, tändeln, ver- liebt scherzen und schmudel für ein verliebtes weib anführt; so magpi dia smauda entweder kosend, tändelnd, im liebesscherz ausdrücken oder smauda selbst synonym mit dem folgenden pi daz wip stehn und ein zuchtloses weib meinen, niederdeutsch ist smudden, smuddel, smullen gleichviel mit sudeln und schmausen, die auf erre folgende partikel az ist deutlich die conjunc- tion dasz und der heutige alemannische dialect kennt noch asz Air dasz. in sesterai , das eine betheuerung ausdrücken musz , wie sie in per meum capat liegt, ist zwar terai = triwe im sinn von traun enthalten, das vorangehende ses aber beinahe unverständlich, denn sehr gewagt wäre an ses, senio im Würfelspiel zu denken und das heutige 'meiner sechs' (ScIuilS, 194) zu ver- gleichen, wobei sachsn, tausend sachsn (Schm. 3, 193) in betracht käme, doch das nachfolgende triwe sich nicht recht fugte, wir sind in die alten be- theuerungen unvollständig eingeweiht ses in so es aufzulösen hilft auch nichts, rebulga meint irasceretur, der indicativ guez zu eingang kann fBg- lieh si sciverit bedeuten.
65. in den werten aba de tinen rose nehme ich de nicht f&r die latei- nische Präposition , sondern für den artikel de oder diu. aba de dinen rosse = von dem deinen rosse.
78. bözze n^ine sco, er6a meä cabaictam, hier sind die deutschen werte klar, die lateinischen verderbt, ich lese: remenda meam cavatam, remendare lebt noch im it. rimendare, sp. remendar, und cavata vetus calceus findet sich bei Ducange, it. ciabatta, franz. savate, sp# zapato.
80. fehlt im deutschen gistra ne casai das wort hiuda, wie ee im laC nee heri nee hodie vorliegt, in der frage ist iuda, 87 eutho, 96 euto, hento für hiuta geschrieben, nach 18 könnte auch hoda oda stehen.
83. guanna, quot vices könnte sich mit dem alts. huand Hei. 87, 6 und dem lat. quantum berühren, das goth. hvelauds quantus gemahnt ans ags« huald quotus (Haupt 5, 196), lauter. noch dunkle pronomina, man erwäge den eben s. 48 angeregten Wechsel zwischen u und 1.
85. abtotgot (mit übergeschriebnem hu) fraume, nach andrer lesart mtergote ist schwer zu entwirren , das latein dazu lautet deus vos saldom, wofür wol sähet zu lesen ist. im deutschen ist got sicher , fraume , wenn es frua sein kann , seltsam, vielleicht soll es frauwe laetificet sein.
100. scheint klar und nur für inbiz zu lesen inbez, d. i. inbez, inbeix, welches wie zeile 23 mer = mir bei sich hat. inbeiz mer dige heiszt edi suffraginem oder partem Bufiraginis, dige ist das ahd. deoh, mhd« diech, nnl.
ADOLF HOLTZMANN, NIBELUNGEN, BRÜCHSTÜCK R. 61
ciij« cJije Schenkel, vgl. ohsendiech. Helbl. 1, 430; süeze hirn und die MS. 2, 192^, nnl. dijstak schenkelstück, wie ribstuk rippenstück.
102. inmethi thi scheint richtig und die Vermutung unmez ih dih ver- werflich, inmethi wäre imperativ von inmethan , wenn es solch ein verbum gab, das goth. inmaidjan ist mutare, inmaidei ])uk, muta te, permuta vices, was dem Zusammenhang nach hier einen obscoenen sinn haben könnte, läse man mit geringer änderung inmith thi, so käme ein züchtiges schäme dich heraus, denn ahd. sih midan ist erubescere, Graff 2, 675.
106. 107. heiszt es in der erklärung, dasz mine für minna auf ein ags. myne weise, dies aber ist männlich wie das altn. munr, welche freilich alle miteinander zu man und munan gehören, das KN hat sich unorganisch ent- faltet (gesch. d. d. spr. 904). die schlnszworte des denkmals sind in voller Unordnung. JACOB GRMM.
NIBELUNGEN, BRUCHSTÜCK R.
Die s und/, v und u genau nach der Handschrift, i hat fast immer den Strich, auch r hat meistens einen Strich nach oben. Das «r geht unter die Zeile herab. Linien mit dem Stift gezogen.
Die ersten Buchstaben der Strophen sind, abwechselnd roth und blau, der erste der Aventiure ist golden. Roth die' Überschrift und der Strich, der die überflüssigen Worte herübemimmt. Auch der leere Raum am Ende der Strophen ist mit rothen Strichen ausgefüllt. Die großen Buchstaben haben meistens einen rothen Beistrich. Die nicht mehr mit völliger Sicher- heit zu lesenden Buchstaben und Worte sind cursiv gedruckt.
Es waren 29 Zeilen, die 29ste, 28ste und mehr oder weniger die 27ste sind weggeschnitten. Ebenso ist die- äußere Spalte des Yorderblatts wegge- schnitten.
Das Doppelblatt war zum Einband eines Exemplars von Bebeis Facetien. Tübingen 1560, gebraucht Der Antiquar Kirchhoff in Leipzig erkannte es; von ihm kam es durch Kauf in meinen Besitz.
A. HOLTZMANN,
Erstes Blatt, Vorderseite, erste Spalte.
1346, 3. da bi was ouch ir muter des Mkrfl 1*
ven.wip mit übe wart gegrvzzet vil manger ivuchfrowen lip. 1347. Si viengen fich bi den henden vnde . giengen dan . in einen palas . witS der was . vil wol getan . da div tv nowe . vnde^ hine vlo- fi faz ge6
4»
52 A. HOLTZKANN
gen dem Ivfte vfl h - - chvrzewi
1348. Wes fi nv mere pflaegS pe groz des chan ich niht gefagen . daz in fo vbel zogete daz horte man do
. chlagen . die Chrimh' reken . wä daz was in leit. Hey waz gnt^ de gene mit in von Bechelaren reit.
1349. Yil minnekliche dienlt der Mar krave in bot . do gap div kvnegl ne zwelf povge rot . d* Grotelinde tohter vfi alfo gnt gewant . daz
n niht bezzers brahte in des kvneg
1350. Swie ir genomS waere [ezlen lant d* Nibelvnge golt . alle die d gefa hen . die machte n ir holt noch mit dem chleinen gute daz fi da moh
te han . des wirtes ingefinde w art michel gäbe getan.
1351. Da wider bot do ere . div frowe Gotelint . den gellen von -
Rückseite, zweite Spalte.
1362, 4. daz fchvf des kv- - milte daz 1
man in allen gap genu -
Aventivr . wie Chrimh' vn Ezel brv
ten ze wine in der ftat. • ^^^ ^
Si 0 was ze Treyfen mite . vntz an den vierden tach . div molte vf der Itraze die wile nie gelach • Dn rtube fam - - vnne allenthalben dan . da riten durch Ofberriche . des riehen kvnec ezlen man. .
1364. Do waren ovch dem kvnge div maere nv gefeit . des im von gedanchen fwn den finiv leit . wie h*renlichen Ghrim hilt da chome durch div* lant . er be gnnde valte gaben da er di minnek
1365. Von vil manger fpra [liehen vant che fach man vf den wegen . vor ') kvnec Ezeln rite yil mangen chv
nen degen . chrilten vfl beiden . vil
^) S mit Gold guokrieh^n. -^ ')daix jno&i/Ma/i
NIBELUNGEN, BRUCHSTÜCK R. 53
*
manec witiv fchar . da fi ir frowö fvnden fi riten frolichen dar, 1866. Von Rivzzen vft von Chrichen reit da . vil manec man . Polanen vfl Yia^hen . den fah man eben gan. ir pfeert vü ors div guten . da fi . mit chreften riten • fwaz fi der fit vil* - -
Zweites Blatt, Vorderseite ^ erste Spalte.
1499, 2. wer lant ^) man mag iv michel M 2'
- - ofen hie div pfant . danne da
- en Hvnen inweiz wiez da geftat. er fvlt bei - - n herre daz ift mit tnwen min rat
1500. Wir en wellen niht beliben Q)rach
- gernot . fit daz vns min fweft* fo frivntlich enbbt . vn Ezele der riebe zwiv folden wir daz lan . d' dar niht gerne welle der mach hie heime beltan.
1501 . En triwen fprach do Rvmolt ich
fols d* eine' fin . der durch Ezlen hohge zit chvmt inmi' vber Rin . zwiv folde ich daz wagen • dn^s fch ^) waeg* han. die wille ich mag inmi ') wil ich mich
1502. Des reiben wil ich vol[reIbe lebä I&. gen fprach ortwin der degn . ich wil des gefchaeites hie heime mit iv pfl^*^ *) do fprachen ir genvge fi wol dens ovch bewam • got lazz ivch liebe herreu - - vnen wol geva/m *)
1603. Der kvnec begmde ztimen do er daz gefach. - - Aeime wolden /chaSen ir gemach c2arvmbe wirz . - « - - en an die vart
alle Zweite Spalte.
1504, 2. dar vmbe fwie halt iv gefchiht .ich 2^
rat iv an den triwö weit ir ivch wol
*) sehr jeweifeihaft. — *) sehr abg&rubin, — •) hcMim 9u erkmn&n, — *) Diess ßueh- siab^ umrdm früher von Pfeifer und mir erkannt, jeUft hin ich nicht mehr im Stande sie
^W w^mw^m^^ww^
54 ADOLF HOLTZMANN
bewarn . fo fvlt ir zv den hvnen vil gewaerlichen varn. 1506. Sit ir niht weit erwinden . fo bef(9 det iw' man . die beuten dir ir vindö ed' inder moget han . fo wel ich vz in allen tvfent ritter gut . fon chan vns niht gewerren d' argen Chrimh* mvt
1506. Des wil ich gerne volgen fprach der kvnec zehant . do hiez er boten rite witen in fin iant . do braht man der helde driv tf fent vii mer . fi wände niht er werben alfo gremlichiv fer.
1507. Si riten willechliche in Gvnth'es lat. man hiez in geben allen roiT un ge want . di mit in varen wolden zv den Hvnen dan . der kvnec in gute willen der vil mangen gewan.
1508. Do hiez von Tronge Hagne . Daneh wart der brador fln . ir bed' Reken fehzec brringen (so) an den Rin . die choin ritt'liche harnafch vn gewant . des brahten vil die degene in des Gvnth^es
1509. Do chom d* herre volker ein [Iant chvne fpilman . hinze hove nach erä
. drizzec liner man die beten
Rückseite, erste Spalte.
1.510. Wer der volker waere daz wil ich ivch willen lan . er was ein edel her re im was ovch vnd'tan* . vil d* gute reken in Burgonden Iant . durch daz er vidlen kvnde was er fpilmft
1511. Tufent weit do hagene [genät die het er wol bechant . vn waz in ftarchen Itarmen het gefrumet ir hant . vnd fwaz fi ie begiengen des het er vil gefehn . in chvnd ovch an der niemen niwan frumcheit iehn.
1512. Die boten von den hvnen . vil fere da vMroz . wan iivvorht zi *) herren
*) zi, 90 ; e$/Mt niehti.
NIBELUKGEN » BRUCHSTÜCK B. 55
div was harte groz . fi gerten tae geliche vrloabes von dan . des en gvnde niht Hagene . daz was durch
1513. Er fprach ze fiuem h*r€ [lifte getan wir fvln daz wol bewarn . daz
wirs ih *) lazzen rite e daz wir febe (so) varn . dar nach in tagen fibenen • wider in ir lant . trit ißo) uns iemen argen mät daz wirt vns defte baz
1514. Son chan avch Rc (so) vjro chrl [bechant hilt bereiten niht dar z^. . daz vns
durch ir raete iemen fchaden tfi . hat ab* fi den willen ez mag ir leid er gan wan wir füren hinnen mft ')
Zweite Spalte.
1515, 2. lant . daz was nn gar bereitet vil 2'
mangem chvnen man . die Ezlen vide l^ere die hiez man do ze hove gan.
1516. Do n die furllen fah *• - do fprach Gernot . der kvnc wil nv leiften daz Ezel vns enbot . wir wellen ch - - gerne ze finer hohgezit . vfl feh - - vnfer fwefter daz ir des ane zwiuel
1517. Do fprach d' kvnec Gvnth* . ir [fit fvrlt vns wizzen lan . wenne fi die hohgezit . zen Hvnen wellen han. des antwrtt • dem kvnege der böte fwaemelin . zen naehften fvnewen den fo fol fi ficherlichen fin«
1618. Der kvnch in erlovbte . des was noch niht gefchehn . ob fi gerne woldö Br^hilden fehn . daz fi fvr fi folden mit finem wiIl^n.gan . daz vnder ftvnt do Volker daz was ir liebe ge
1619. lan ilt fprach volker ein [tfl
ein edel ritt* gfit. Brvnh' min frowe na .niht wolgemut . bitet vnze morge fo lat mans ivch fehn . do fi fie wft
^) ih, «0 ; nichti außgef allen,
*) Van der legten ZnU die wU^e Bälfte ytmggeeehniim» daher mekt aUee eieher.
66 HOFFMANN VON FALLERSLEBEN
den fch5wen . donen chvnd es niht 1520. Do biez der kvnid riebe . d* [gefcbebn was den boten bolt . darcb ßhes b* zen tvgende *)
DIE GEISTLICHEN LILIEN.
MITGBTHEILT
•
HOFFMANN VON FALLERSLEBEN.
Ein erbanlicbes Werk des 12. Jabrbnnderts, worin Verse und Prosa mit einander abwecbseln. Der Verfasser knüpft an die Lilie seine frommen Be- tracbtangen; alle einzelnen Tbeile dieser scbönen Blume werden berücksieb- tigt: die Warzel, der Stiel nnd seine grünen Blätter , der Kelcb und seine weißen Blütbenblätter, die gelbe Farbe darin n. s. w. Leider feblt der Anfang, and so. scblieCe icb den Titel nur ans dem Werke selbst, vergl. BI.20\
Die Handscbrift wird aufbeWabrt in der berzoglicben Landesbibliotbek zu Wiesbaden und stammt nacb der Meinung des Herrn Bibliotbeksecretärs Ebenau wahrscbeinlicb aus Kloster Eberbach, einer Cistercienser Abtei im Rheingau, gestiftet 1116. E$ ist eine Pergamenthandschrift aus dem 13. Jhd., jetzt 126 Blätter in kleinem Format, die beiden ersten Blätter sind ausge^ schnitten, und auch das letzte Blatt.
Zur näheren Kenntniss des Ganzen mögen hier einige Auszüge folgen. Anfang:
ze got. wie der gerechte mft dieser lilien si gelich. Ich wenen dat die wrcele die vnder der erden jverborgen is. bezeichen den gedanc in deme herzen, den nieman inbekennit. alse de wise man sprichet. We weiz wat in des menschen hercen is. wan des menschen geist. So sal de gedanc der wrcelen geliehen, he sal nfize sin. Dat is. he sal reine sin. Wan ave. van vleislichen. inde wereltlichen. inde duuelichen gedenken. Uleisliche ge- denke sint die. dere dat vleisch gelüstet. Alse die man na vröwen. inde vrowen na mannen, uncuscheliche denkent. ove ein iewelich mensche na ge- lufitelicher spisen. ave na senilen cleideren denkent. de gedant (sie) en is niet wiz want he beulecket die sele sere. Werltliche gedenke sint die na wereltlicher haue steint, den niet genfigd in macL die also viele me gereut
•
^) Auch hin imr di9 ob0r$ BäHfU d§r Suehitabm mu frkimmk
DIE GEISTLICHEN LILIEN. 5Y
80 si me hauet (2*) inde en wizen niet weme si dat lazen sölen. dar umbe si di sele geaent.
(6**) hie sprich van der lilie stille an. Wir hauen gesien der lih'en aurcele. Dat is des gerehten mannes gedanc. nu sien wir den stam. De stam de uzer der uurcelen geit. bezeichenet steid6 willen zu guden werken. dis wille cämet van gfiden gedenken ane zuiuel.
BL 9* geht es in Verse über :
Lerne dit dat widermöde is en zeichen der minnen.
an den die sint gudes wilen.
Lerne dat man den penninc sere siehe
die münze wale entfe.
Dv Salt den hamer minnen.
wolt du des cunninges antlize gewinnen.
Soch dat du wolt ungeneme were.
it in wrde geiaget sere.
Dann wieder Prosa, und so wechselt es ab zwischen Prosa und Versen. Hin und wieder finden sich niederdeutsche Wörter, sogar niederländische, z.B. fernen, 31. 42^:
Vvider allen zorn inde al ungemfide. so mach dit blat zonen sine gude.
B1.110\-
Na langen umbegengen mäzen
wir doch dat ende suchen.
dat ende wir al eines sfilen ruchen.
dat ende des nimer ende in wirt.
dat ende des niman wiser inbirt.
dat ouer alle dinc is cdninc inde wirt.
Dat ende is die heilige driueldicheit.
die alle dinc eruullet inde umbeveit.
der bezeichenisse wir vonden an der driecgehter blumen.
die uns nu is zesprechene zu cdmen.
B1.122*:
Sal got din herce (122') buen.
So must du der werelde minne sehnen.
Sine sint m't gerne ze samene beide.
Id is gut dat man si shede.
Inde sieh halde an die minne ih*c crist.
vonde (1.. wände) sine minne noch s&zer is.
dan die werilt so wat si minnen het.
58
HOFFMANN V. FALLERSLEBEN, DIE GEISTLICHEN LILIEN.
kinder den minnet dat is mi (1. min) rait.
So man in ferner minnet.
So man iemer me liuen z& ime gewinnet.
So man baz in versuchet.
So man sin iemer geruchet.
So man in baz beschouuet.
So man me na ime dowet.
Sine minne is der (123*) werilde minne ongelich.
Di so schire hat gelegit sich.
Si is hude suze si is mome sar.
Si is hade ein eis. si is mome ein fiir.
Si is hude eine blume. si is mome ein hör.
Si suret binden und suzet for.
Si is hude grüne, si is mome valle.
Si is hude ein ere si is mome ein scende.
Si is hude wiz. Si-is mome roit.
Si is hudegesunt si is morne döit
Si is hude ein stail. Si is mome ein gelas.
Si is (hude) ein born. Si is mome ein vvl gras«
Si is hude lis (1. liep). Si is morne leit.
So we sich keret (123*") an ir unstadicheit
De mAz unstede mit ir wesen.
vnd sal an der seien käme genesen.
Si zugit in na ir.in den mist.
Dat is der werilde beste list.
Schluß, Bl. 126*:
Dar ane gedenket ir vrowen min. vnd zürnet nit nnsin thretin. Inde in uerliset nit sine hulde. he is aller frouden ein ouergulde. Sin loin de is uch allen gereith. Behaget ime ur arbeith. . . kranker gelüste solt in berrin. dit leuen in mach nit lange weren. vnreine
FRANZ PFEIFFER, ÜBER GOTTFRIED VON STRASSBÜRG. . 59
ÜBER GOTTFRIED VON STRASSBÜRG.
VON
FRANZ PFEIFFER.
Zorn Niederschreiben der nachfolgenden Untersuchang bin ich zunächst durch die unlängst erschienene kleine Schrift von J. M. Watterich „Gottfried von Straßburg, ein Sänger der Gottesminne" Leipzig 1858 veranlasst wor- den. Beim Durchlesen derselben sind mir nämlich , nicht bloß Zweifel an der Richtigkeit dessen, was der Verfasser zur Begründung seiner Hypothese vorbringt, sondern alte, nie aufgegebene Zweifel neu vor die Seele getreten, Zweifel daran , ob Gottfried wirklich der Dichter des ihm zugeschriebenen Lobgesangs auf Christus und Maria sei. unter den deutschen Philologen sind darüber nie die geringsten Bedenken laut geworden : v. d. Hagen sowohl (in seiner Ausgabe von Gottfrieds Werken und den Minnesingern), als auch W.Grimm (in seiner Ausgabe von Konrads gold. Schmiede , Berlin 1840), W. Wackernagel (im altd, Lesebuch S. 431 — 440 und Litt.^Gesch. S. 243) und Haupt, der 1844 in seiner Zeitschrift 4, 513 — 555 das Gedicht neu be- arbeitet und vervollständigt hat, nehmen es als ausgemachte Sache an, dafi 6. den Lobgesang gedichtet habe. Herr Watterich war demnach in seinem vollen Rechte, wenn er im Vertrauen auf diese Autoritäten Gottfrieds Verfas- serschaft als unzweifelhafte Thatsache hinnahm und auf diesem Grunde seine Hypothese, die über das bisher in tiefes Dunkel gehüllte Schicksal des be- rühmten Dichters plötzlich helles Jiicht verbreiten soll, aufrichtete.
Für diejenigen Leser dieser Zeitschrift, denen das Büchlein des Herrn Watterich noch unbekannt ist, will ich dasErgebniss seiner Untersuchung hier mit kurzen Worten darlegen. Dem Verfasser ist nämlich der grelle Gegen- satz, in welchem der Tristan und der Lobgesang zu einander stehen, ein ungelöstes Räthsel, zwischen beiden Gedichten gähnt ihm eine .ungeheure Kloft, die nur durch die Annahme ausgefüllt werden könne ^ Gottfried habe, bevor er den Lobgesang gedichtet, mit seinem frühem Leben völlig gebrochen nnd es sei eine gänzliche sittliche Umwandlung mit ihm vorgegangen. Die bisherige, auf die Zeugnisse der beiden Fortsetzer des Tristan gegründete Meinung, G. sei durch den Tod an der Vollendung des großen Gedichtes ver- hindert worden, beruhe auf einem Irrthum : Ulrich von Türheim wie Heinrich von Freiberg hätten viel zu spät gelebt, um den wahren Grund wissen zu können, und ihre Aussagen seien allzu unbestimmt; was sie gewusst, beschränke sich darauf, dafi Gottfried den Tristan unvollendet hinterlassen habe. Der nächste Grund der Unterbrechung sei jedoch nicht der Tod gewesen, sondern ein Kreozzug, den G. auf den Befehl seiner Geliebten mitgemacht habe. In
60 FRANZ PFEIFFER
dem einzigen Minnelied, das sich unter seinem Namen erhalten hat, erklärt er nämlich Str. 4, er sei ihr za jedem Dienste bereit und würde, wenn sie es ihm geböte, um ihres Lohnes theilhaftig zu werden, seihst ze BabylSne ffeme vam. Unter diesem Babylon habe man nicht das asiatische, sondern (Neu-) Babylon, Kairo, zu verstehen; aus dem Scherze, aus der dichterischen Re- densart sei Ernst geworden : die Geliebte habe ihii beim Worte genommen und ihm befohlen, nach jener Stadt zu fahren, mit andern Worten, das Kreuz zu nehmen.
Der Kreuzzng, dem Gottfried sich angeschlossen, kann natürlich kein andrer gewesen sein, als der vierte, der 1215-16 vorbereitet im nächstfolgenden Jahre zur Ausfiihrung kam und im Jahre 1221 mit der Eroberung von Da* miette sem Ende erreichte. Diesem Zuge habe sich G. zugesellt; „in dem christlichen Heere, das vom Sommer 1218 an diese Feste belagerte, befand sich neben Otto von Botenlauben , Neidhard von Reuenthal und andern be- rühmten Minnesängern auch der Dichter des Tristan. Von irdischen, weltlichen Wünschen erfiillt, hatte G. den Kreuzzug angetreten, als ein völlig Anderert als Gottesminnesänger sah er die Heimath wieder. Aber noch mehr. Nicht bloß innerlich, sondern auch äußerlich umgewandelt kehrte er von der Fahrt zurück^ (S. 33). Darüber gebe uns das zweite geistliche, unter Gottfrieds Namen von der Pariser Hs. überlieferte Lied , das Lied von der „willigen^,' von der „geistlichen Armuth^, den bestimmtesten Aufschluss. Der mystische sanfte Ton, in welchem hier das Lob der demüthigen Tugend gesungen werde, lasse keinen Zweifel darüber, daß der Sänger (d.i. Gottfried) eben selbst ein williglicher, geistlicher Armer gewesen, daß er, mit andern Wor- ten, dem gerade in den Jahren 1217—1221 mächtig aufblühenden Orden des hl. Franz von Assisi angehört habe. Hiebei bleibe nur die Frage, ob G« erst nach seiner Rückkehr in Deutschland selbst öder schon früher, aof der Kreuzfahrt, das Kleid des hl. Franciscus genommen habe. Der Yerfaaser hält das Letztere für das Wahrscheinlichere. „Einmal wäre der Eintritt deft überall bekannten Meisters in den geringen Orden in Deutschland ein Er- eigniss gewesen, das nimmer ohne das größte Aufsehen hätte vor sich gehen können^ (während doch alle, die G. kennen, wie von der sittlichen Verände- rung des Dichters so auch von diesem Schritte schweigen) , sodann „weise der Charakter der außerordentlichen That selbst auf die Kreuzfahrt hin, ab die Zeit, in welcher am wenigsten die Anregungen zu einem so frt>mment hochherzigen Entschlüsse fehlen konnten^. Das Alles genügt dem Verfasser noch nicht, es stellt sich ihm ^dieNothwendigkeit heraus, daß dem entschie- den weltlichen Charakter Gottfrieds ein übermächtiges Ereigniss entgegen getreten sein, daß eine höhere Gewalt in sein Leben eingegriflfen haben müße^. Nichts erscheint ihm daher „so geeignet, eine Wirkung, wie sie in Gottfrieds Bekehrung und Ordensaunahme vor uns steht, zu erklären^, als die Annahme, „der hl. Franciscus selbst habe unsem Meister der Weh ab-
ÜBER GOTTFRIED VON STRASSBÜRG. 61
wendig gemacht und unter seine Jünger aufgenommen" (S. 38). Daß unter solchen Umständen von einer Vollendung des Tristan keine Rede mehr war, versteht sich von selbst.
Dies in Kürze der wesentlichste Inhalt der Schrift des Herrn Watterich, die, was man auch immer gegen seine oft mehr als kühnen Schlüsse sagen mag, mit hinreißendem Schwünge geschrieben ist. Ich habe, so verlockend es wäre, keine Lust, dem Verfasser in das Reich seiner luftigen Phantasieen zu folgen, sondern werde, statt einer eingehenden Widerlegung, den zwar nicht kürzern oder leichtern, wohl aber sicherern Weg einschlagen; ich werde seiner Hypothese einfach die Grundlage unter den Füßen wegziehen , indem ich darthue, daß Gottfried weder den Lobgesang noch das Lied von der Ar- moth gedichtet hat , daß er beide unmöglich gedichtet haben kann. Dieser Beweis läsöt sich, wie ich glaube, mit vollster Sicherheit fuhren.
Seit es in der altdeutschen Philologie eine wissenschaftliche Kritik gibt, hat bei Fragen fibör die Identität zwischen Dichtern und den ihnen zugeschrie- benen Werken die Betrachtung und Prüfung von Vers und Reim stets als ekies der ersten nnd wichtigsten Kriterien gegolten , und dieses Kriterium wird auch, so lange eineXritik besteht, die den Namen wirklich verdient, in Cteltnng bleiben. Mit Hilfe dieses Kriteriums wurden, um hier nur Ein Bei- spiel anzufahren, dem Konrad von Würzburg durch Lachmann die ihm unter- schobenen Erzählungen von der halben Bim (s. Auswahl S. III) und von alten Weibes List (Gesammtabenteuer 1, 189 ff., s. zur Klage 816), ferner durch Lachmann und Wilh. Grimm das in v. d. Hagens MS. 3, 337 — 344 abgedruckte Ave Maria (s. gold. Schmiede S. XII.) abgesprochen, aaf der andern Seite demselben Dichter mehrere ohne seinen Namen über- lieferte Gedichte zugesprochen , so das Turnier von Nantes durch Docen , so Partinopier und Meliur durch Wilh. Wackernagel (Litt.-Gesch. S. 213, vor ihm schon durch Lachmann zu d. Nib. 682) : beides das Nehmen und Geben konnte mit zweifelloser Sicherheit geschehen. Die Beispiele ähnlicher Schei- dungen ließen sich häufen.
Um so 'größere Verwunderung muß es erregen,* daß bisher noch keiner, selbst der neueste Heransgeber nicht, der doch dazu die mekte Veranlassung hatte, an den Lobgesang den Maßstab dieses Kriteriums gelegt hat ; der Irr- thnm hätte Niemand verborgen bleiben können. In der That ist es kaum zu begreifen, daß eine Kritik, der sonst ein einziger, mit erträumten metrischen Segeln im Widerspruch stehender Versschluß (z. B. was ich, tet ich) hin- reicht, um Walthern oder Beinmar ein Lied abzusprechen, an diesem Ge- dichte, als einem gottfriedischen, keinen Anstoß genommen hat. Unter allen Dichtern atis der klassischen Zeit der mhd. Poesie' hat. Hartmann und Walt- her nicht ausgenommen, keiner sich von dialectischen Eigenheiten so frei zu halten gewusst, kemer ist dem Ideal der höfischen Sprache, wie die. Gram- matik sie darstellt, &o nahe gekommen als Gottfried von St'raßburg. Versbau
fl2 FRANZ PFEIFFER
and Reim in seinem Tristan sind von tadelloser Reinheit; in den nahezu 20,000 Versen dieses Gedichtes findet sich kein einziger ungenauer Reim, nicht einmal a:^, eine Freiheit, die sich alle, auch die genaustreimenden Dichter, jezuweilen gestattet haben. ') Vergleicht man nun den Tristan in Versbau und Reim mit dem Lojbgesang (ich habe es zunächst mit diesem zu thun und werde das Lied von der Armuth später besprechen), so muß man erstaunen über den Unterschied, der sich zwischen beiden Gedichten sogleich bemerkbar macht Während dort, in dem umfangreichen Epos, durchweg die größte Genauigkeit und Gorrectheit waltet , herrscht hier in den wenigen Strophen eine Verwilderung, ja Rohheit des Verses und Reimes, wie sie nicht größer sein kann. Beide Gedichte verhalten sich in dieser Beziehung zu einander wie Tag und Nacht, sie bilden in ihrer äußern Form Gegensätze von einer Grelle und Un Versöhnlichkeit, wie sie sich im Inhalt selbst kaum schärfer ausspricht. Und diede Gedichte sollten einerlei Verfasser haben ?
Betrachten wir zuerst den Reim , wie er im Lobgesang erscheint. Da begegnen uns, obwohl nur selten und aufa: ä beschränkt,, folgende ungenaue Reime: hdnt: genant 3, 5. rät: sät: etat 25, 5. an: kan: man: dan 36, 12. — Sodann finden wir ziemlich häufig m: n im' Reime gebunden :lMni: Sturm: hurm: wurm 19, Q. stein: helfenbein: honicseim2\f\. swan: san: stam: gan 23, 12. laden: gadem: baden 34, 5. lobesam: man: bran: kan 34, 9. zam: man: A;an 38, 3. wünnesam: an: man 43, 6. honicseim: reini mein 90, 5. seime: reine 65, 8. bon (= boum): I6n: dön 92, 3. Auf die beiden zuletzt verzeichneten werde ich später noch zu reden kommen. Ver- einzelt erscheinen solche Reime schon bei Dichtem der klassischen Zeit; bei Hartmann mehrmal im Erec, einmal im Gregor (s. Haupts Erec S. XV) 971 und I. Büchlein, in seinen spätem Gedichten, im a. Heinrich und Iwein, mei- det er sie; Walther zweimal genam: spilm^an 63, 3. 5. Jieim: stein 30, 16. bei Wolfram einmal rüm : poulün Parz. 77 , 28. hei Beroger von Horheim kam: wän u. s. w. MF. 112, 2. beim Freidank zweimal ruam: tuon 99» 3, oeheim: dehein 141, 3. bei Singenberg arm: vam MSH. 1, 298\ GrOttfried von Keifen gram: kan 14, 25. bei Rudolf A^m: ein Bari. 16, 39. ebd. Mm: stein 321, 21 : Jiehein 386, 24. ruom: tuon g. Gerh. Q901. bei Burkhart vonHohenfels arm: vam MSH. 1, 204*. tum: stürm ebd. 1, 209*. Mai nam 86, 4. bei Konrad heim: schein Troj.5722. stein: heim ebd. 13 nam: Indian 18701 (vgl. Silvester zu 80) und öfter. Von den Dichtem der ersten Hälfte des 13. Jahrh. gebraucht diese Reime wohl am häufigsten
*) Selbst die einzige Ansn&hme , die er sich öfter erlaubt , indem er vicm nebeil fnm Im Reime brancht z. B. 6, 19. 9,4 13, 23. 16, 25. 116» 2. 118, 39 n. s. w., Territh, da sie lieh auch bei andern Dichtem (vgl. Flore 239, Teichner: Liedersaal 1, 423. 439.-469, Kif%- Jan S. 17, Seifried Helbling 8, 1014: Haupts Zeiuchrift 4, 191 und' Ottokar: Wackemiftb LB. 1, 827, 25) trifft, keine besondere Mundart, sondern ist Überrest des ahd. -an Ar -pni t. Grammatik P, 85. 336. 450.
ÜBER GOTTFRIED TON 8TRASSBURG. * SS
der Stricker » die Fälle verzeichnet Bartsch im Karl S. LIII. Erst gegen Ende des Jahrhunderts fangen sie an zahlreicher bei den einzelnen Dichtem ao&ntreten. Im Beinzelin heim: enein 135. an: wüimeBom 203. kam: an 1227: wolgetän 2231. kam n*ünne$am 211. nam: man 676. arm: vom 1113. 2429: gevam 2371. ruom: tuon R. 131. 301. hl. Martina rwm: tuan 1, 21. vemim: hin 7, 109 und öflter. Littaner lobe$am: man 63. j^- nom: man 304. Sigenot nam: man 6, 1. 25,2. genam: cfon 911. nam: an 18, 1 : dan 23, T. lobemm: dan 19, 13. heim: stein 32, 13. Eggenlied liom: danl, 4: man 83, 2. 221, 2. loöeMm: man 29, 4. 76, 7: an 33, 4: ifran 106, 7: ton 136, 5: gdn 63, 11. bekam: man 55, 4. Femer bei Had- lanb nam: kän 2» 6. kam: an 8, 3. ßirkam: ergdn 5, l. wünnesam: kan, lobe$am: kan: man: hdn u. s. w. Bei Gottfried findet sich nur ein etnzigei Beispiel oeheim: alein 291 , 23, während 111, 31 oeheim auf heim reimt. Reime mit Wegfall des auslautenden eh: vrS: hS: 96 26, 6. M: vrS: al§6 42» 3. ffd: nd: dd 66; 7. nd: dd: sd 82, 6. aldd: dd 94, 3. hd und nä gebraachen, mit Ausnahme Gottfrieds, viele Dichter, z. B. Hartmann, Walther (dieser nur hd, nicht nd) und Andre mehr, vgl. die Gramm. 4, 935 gesammelten Belegstellen ; nur gd f&r gdeh ist aus hochdeutschen Dichtem sonst nicht nachzuweisen und kann auch das mhd. W.B. 1, 463 nur ans dem Lobgesang belegen. In mitteldeutschen Sprachdenkm&lera dagegen wird diese Form öfter getroffen , ja sie ist dort die regelmäfiige , z. R Her- bort 2401. 4222. 8015 u. s. w. Vergl. Frommann zu 179 und Jeroschin S. LXVIII.
Ein auffallender, bei oberdeutschen Dichtem ebenso seltener, als bei den, der Spirans entschieden abgeneigten Mittel- und Niederdeutschen häufiger Fall (vgl. Fmmmann zu Herbort 1 79. W. Grimm zu Athis S. 1 6. Jeroschin S. LX VIH. Parz. 222, 26 uneriHjrht: ort, 182, 6. parten: vorhteny s. Gramm. 1', 361. 437 ; ferner das Niederrheinische) ist die Unterdrückung des inlautenden h in vorkie: parte 33, 4. Doch fehlt es auch bei entschieden alamannischen Schriftstellern hiefiir nicht ganz an Beispielen : er wirt dd ht hie unde dort geeieheri gar van arger vorht : Brachstücke eines großem Gedichtes auf K. Ludwig den Baior, in. meinem Besitz; ferner in einem mit Unrecht dem Maraer zugeschriebenen Liede: ti*uoA«: tmid/MSH.2,263\ miseetdt: brdhi ebd. 266 \ hdte: hrdhte: ddhte Rudolf von Fenis MF. 80, 13. Uehi: verriet: nieht: ge$ehiet ebd. 82, 20. Auch die bei altem und jungem Dichtem ans diesen Gegenden so häufig erscheinenden Reime von niet = nihi auf liet Q. s. w. (ein Beispiel noch aus dem 14. Jahrh. bei Hadlaub niet: Uet MSH. 2, 288^) sind hieher zu ziehen, vgl. Grammatik 1*, 361. 439.
Im Tristan zeigt sich natürlich kein solcher Reim. Noch anffallender all die im vorstehenden besprochenen Erscheinungen sind die im Lobgesang mehrfach vorkommenden Reime, in denen i mit z gebunden wird. gla$: beeag: vom: loi 4, 12: bai: has 16, 11 : vom: adamat 93, 1. vomx adamas:
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Spiegelglas 25, 1 : was: erlas 31, 5: was: daz: haz: saz 52, 13: Zdw: twr- gaz: haz: glas 92, 9 — 13. vliz: wis: ris 18, 5. rts: pris 40, 5. dmU : pr€s 86, 3. genSzeUs: g6z: genöz: gr6z 47, 12. Mit einer einzigen Ausnahme (Wigalois 288, 29. 30: verlos: sUz) hat sich kein Dichter aus der klassi- schen Zeit je einen solchen Reim erlaubt, weder Gottfried, Hartmann, Walt- her, Flec, noch selbst Wolfram , der es mit dem reinen Reim doch sonst nicht so genau zu nehmen pflegt, noch der Stricker und Andere (die in der Gramm. T, 414 aus dem Parz. 434, 15. 434, 25. 485, 12. Flore 7. a Boppe MSH. 2, 386^ beigebrachten Beispiele fallen sämmtlich weg).^) Ge- gen die Mitte des Jhd. fangen diese ungenauen Reime an durchzubrechen, obwohl noch in mäßiger Zahl und nicht bei Dichtem, die sich die gnten alten Meister zum Vorbild genommen haben , wie z. B. Rudolf und Konrad. Gottfried von Neifen (1234 — 1255) gras: saz: daz 48, 19. Ulrich von Winterstetten (1239 : Staelin 2, 615) k6s: gr6z: genSz MSH. 1, 136. Blar- ner (in einem Liede, das ihm aber wohl nicht gehört, vgl. MSH. 4, 536) he^ saz: las MSH.iZ, 253*. 254* flF. rts: vliz, ebd. 255*. Konrad von Altstetten was: laz ebd. 2, 65*. iviz: pris ebd. Teschler Jiaz : glas: Ufas ebd. 2, 126*. was: vergas: baz 130*. erkds: hl6z: gen6z 125*: gröz 126' u. s.w. Erst zu Ende des Jhd. nimmt diese Reimverwilderung überhand. Heinzelein was : daa 129. wirs: mirz 2093. vliz: pris 845. 'az: alsus R. 367 u. s. f. (vergL die gesammelten Stellen S. 138 meiner Ausgabe). Hl. Martina spiegelglaa baz 209, 73. gelas: haz 3, 37. was: vaz 3, 107. genas: ha>z 4, 20. dag was 7, 75. daz: was 273, 51. 282, 27 u. s. f. Sigenot was: daz 37, 4 naz Eggenlied 114, 7. vergas: gelas 43^ 7. Eggenlied wts: vliz 44, 9. h&s üz 45, 7. sazi was 101, 1. Hadlaub verlSs: gr6z MSH. 2, 285 \ wasi bauf 278*. 276* und öfter, wtz: pris 280*. müs: fiz 281*. Hiz: Ail* 283*. lit- tsxiet palas: saz 306. ^: hüs 53. 295.
Schon aus diesen Reimen allein wäre der zwingende Beweis zu ffthren, daS Gottfried unmöglich der Verfasser des Lobgesangs sein kann. Wir sind aber noch lange nicht zu Ende.
Von der Apokope des Dativs im Reim, selbst bei Wörtern, wo sie alt- hergebracht ist und andere Dichter sie sich zuweilen gestattet haben , wird sich im Tristan kein Beispiel finden. Im Lobgesang tritt sie nur einmal ein 64, 9 in dem reinen muot: guot: hluot: tuot, wo indess wohl besser äu blüejest im den reinen muot zu lesen ist. Dagegen finden sich, was viel
^) In gleicher Weise sind die Ton SchoH in seiner Ausgabe der Krone ron Heiniieh TOrlein (Stuttgart 1852) ans einem Gedichte Ton 30,000 Versen (S. XIII) angemerkten drsi F&Ue, wo g und s mit einander gereimt -werden, folgendermaßen za. bessern. V. 549 Um wertes unkundert (: Lundert) nie geworhte meutert harU : ein ongethümeres Werk lehaf nis eines Meisters Hand ; die Hss. haben des wertes unkundirs, — 2745. künee und her, wMk danket des (:'wes) ; Beispiele Tom Qenitiv der Sache bei dünken stehen im mhd. W. B. 1« 360a oben. — 25,580 Ues und an vrö'uden was so las (die Us. so krank was), so Freuden ; Tgl. Parz. 562, 8. diu magst wart an/reuden las.
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schlimmer nnd ein handgreifliches Zeichen von der Rohheit späterer Zeit ist, eine Anzahl Reime, in denen das auslautende tonlose e^ was nur höchst sel- ten vsA von keinem correcten Dichter geschieht, gegen allen Sprachgebrauch unterdrückt wird. Solche Reime sind m(^n: getan: plan 23, 6. 89, 1. An: hon: man: dan 35, 12. rein: honicsein: mein 90, 6. klein: nein: enein 43, 13. Stern: wem: entwem 20, 1. 29, 1. 63, 1. für niäne, äne, reine, kleine, Sterne. Beispiele dieser tadelnswerthen Apocope des auslautenden tonlosen e weiß ich erst um die Mitte des 13. Jhd. und nur bei 6inem Dichter nach- zuweisen: bei Reinbot von Turne, der in seinem h\. G^org s^l: MichaMl 4876. 6082 : IsraM 3053. got : bot (== böte) 484. gert (= ^erte) : swert 1616: gewert 5604. gemachet: erwachetiß) 1817. unverzaget: sagetie) 6276 reimt. Gebildete und genau reimende Dichter dagegen haben sich 9p&ter noch, so Eonrad von Würzburg (vgl. Haupt zu Engelhard 420), dieser and ähnlicher fehlerhafter Kürzungen enthalten. Selbst zu Ende des Jahr- handerts sind sie nur selten und vereinzelt zu treffen, z. B. Wartburgskrieg MSR 2, 17^: wert: gerlie), Bruder Eberhard von Saz ebd. 1, 69 dornen An: heilsam. Häufiger begegnen sie erst bei Heinzelein (s. die zu S. 139 meiner Ausgabe verzeichneten Fälle) und im 14. Jahrh.
Ein weiteres, sehr merkwürdiges Zeugniss von dem Mangel aller künst- lerischen Bildung gewährt folgender, schon oben im Vorbeigehen aufgeführter Reim i siist ein wdbe des lebenden honeges seine (: reine) 65, 8. Zuerst steht hier gegen allen Gebrauch inlautend n statt m, denn bei allen Dichtern, die anshMitend m mit n im Reime binden , wird im Inlaut das unorganische n wieder zu m (vgl. Grammatik 1', 386). Beispiele aus altern, noch ungenau reimenden Dichtem, z.B. ^lY^^n^ (wofür jedoch eben so gut bilgertme gele- sen werdep könnte): fön^'Eolmas MF. 121, 3. schöne: kSme Dietmar von Aiet ebd. 32, 3. Hiltgrimen: erschtnen Biterolf 9237. Heime: eine ebd. 12,894 können ebenso wenig dagegen gehalten werden, als der bei Wolfram Wilh. 46, 5. Wigalois 14, 1 und Wigamur 2518 erscheinende, altherge- brachte and gleichsam typisch gewordene Reim künic:/rümic (vgl. E..Ruther 6. 7. hwnige: frumige: Benecke zu Wigalois S. 438 und Gramm. 1*, 386), Dieser Reim ist aber noch in anderer Beziehung merkwürdig, seine muß hier nothwendig Genitiv sein ; als Genitiv Plur. erklärt es Wackemagel im Glos- sar S. 470^, also mit Auflösung des Satzes: si ist ein wdbe der seime des Menden honeges. Diese Erklärung scheint mir nicht richtig, seim heißt zwar schon für sich allein der aus der Wabe fließende reine Honig, nectar. Viel häufiger erscheint jedoch das zusammengesetzte Wort honicseim^ so Mich im LG. selbst 21 , 1. 90, 5,. und ich zweifle, ob seim im Mhd. je im Pbural gebraucht wurde, seim steht gewiss auch 65, 8 im Sing. ; da aber der Dkliter den Genitiv nicht im Reime auf mn^ brauchen konnte, so suchte er sich dadurch zu helfen , daß er die Genitivflexion dem ersten Wort der Zxjl* saoimensetznng zutheilte : des lebenden honeges seine steht statt des lebenden
naauMiA m. (
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Iionecseimes, Aualoge Fälle stehen mir zwar im Augenblicke keine xa Gre- böte, icfa zweifle aber nicht, daß sie sich in späterer Zeit, wo das Gefühl f&r Reinheit and Correctheit der Sprache und Form mehr uod mehr zu schwin- den begann, irgendwo w^erden nachweisen lassen.
Mundartlich, nicht der höfischen Sprache gemäß ist har ffir her: ir bemdentumel, neigt iuch har: war: enbdr 12, 1. In schweizerischen und eisässischen Urkunden und Hss. kann man dieser Form auf jedem Blatte be- gegnen. Gereimt finde ich sie nur : sine mohte hin noch har (: u*ar) Rein- hart 1171. lange har Q.gevar) Ulrich von Winterstetten (MSH. 1, 136*). wergit dd har Odar) Burggraf von Luenz (ebd. 1, 211). hizhari &war Ru- dolf von Rottenburg (eb. 1, 86). er k&t ez hin^ er k4rt ez har (: voair) Bo- ner 38, 15. daz ich zuo dir bin kamen har (: war^ Liedersaal 1, 177. 9affe waz hat dich har (: dar) gefüert in dise ouwe ebd. 1, 578. vgl. Gramm. 1\ 130. 3, 179, wo noch auf die mir gerade nicht zugänglichen Fragmente 36% 37^ (in Müllers Sammlung Bd. 3) verwiesen ist. Im Reime kommt Aar so wenig bei Gottfried als bei Rudolf von Ems und den übrigen altem höfischen Dichtern vor.
Hiezu stelle ich das 92, 3 im Reime erscheinende bön (: I6n: dSn), das für boum steht, und bis jetzt nur noch einmal durch den Reim belegt ist in dem zu Ende der Weingartner Liederhandschrift (S. 333) hinter der Minne- lehre von Heinzelein folgenden kleinen Gedichte: so wiseent daz ich min craft wider gewinne als der bon (: Ion), bon = boum ist eine, zwar auch an- dern Dialecten , z.B. dem niederrheinischen (sieh Wemher 37, 4 bönffart) nicht völlig fremde , doch vorzugsweise ostschweizerische und oberschwäbi- sche , noch heute in diesen Gegenden gebräuchliche Form. Im habsbargi- schen Urbar lesen die Uss. durchweg bongarte für boumgarte (s. die Les- arten S. 113, 26. 124, 29. 150, 28. 222, 33. 293,9), und in Oberschwaben lautet des Wort noch jetzt bongert Ebenso begegnet in der unzweifelhaft in der Ostschweiz geschriebenen Pariser Hs. neben boun (z. B. boun-gartegm MS, 1, 7'. boun 109') zuweilen auch bön (MF. zu 111, 12). Diesem Über- gang des ou in 6 (worüber Gramm. 1', 193 zu vergleichen) entspricht im nämlichen Worte in der österreichisch-baierischen Mundart d = au: der Teich- ner reimt pdm: kam, im P\ura\ kann: pcem, kcemen: pasmen Cs. KtLXBJaxL S. 17, vgl. Schmellers Gramm. S. 43). Übrigens ist in der Mundart der öst- lichen Schweizerkantone so wenig als in der österreichischen (auch der Teichner reimt Idft : slä/t, sach : dch, äffen : raffen) 6=^ou oder ä=^au auf dieses einzelne Wort beschränkt ; wie noch jetzt 6g, glSbe, h6pt (auch dieses findet sich im niederrheinischen: gelobet i höbet: tobet Heinrich von Yeldeke MFt 63, 29 flf.), köfy I6b, löf, sömn. s.w. (vgl. Stalders Dialect S.35), so wurde schon im 13. Jahrhund, in den Bodenseegegendeu regelmäßig urUb: hßbett 16/ u. s. w. nicht nur geschrieben, sondern gewiss auch gesprochen. Die Hss. d^s habsb. Urbarbuches lesen röchhabcr 235, 20. 23. r6/et 141, 3.
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ISpsefU^ 130, 18. s6m, söme 238, 16. 229, 7. 235, 32, und weitere Bei- spiele kann die nächste beste Urkondensammlung die Fülle liefern. Obwohl ich nun nicht behaupten will , dieses 6 für ou sei der elsässischen Mundart gänzlich fremd, so ist doch soviel sicher, daß es sich hier bei weitem nicht so hänfig findet Man wird daher nicht weit neben das Ziel schießen, wenn man die Heimat eines Dichters , der neben har (=± her) houm mit Ion im Reime bindet, in der Nähe des Bodensees sucht, der ihm nicht unbekannt ist und zu einem hübschen Bilde dient, indem er sagt: wan miner siinden der ist mS dan wäffes in dem Bodens^ 7, 5. 6.
Ich verzeichne noch einige eigenthümliche Beime, die ebenfalls auf diese Gegend deuten, ich bin der wcener eine 0 kleine) 6, 10. Hier steht eine vielleicht statt einer^ wahrscheinlicher jedoch statt ein (vgl. a6 bin ich doch der werden ein Walther 66, 37. stner junkherren ein Barlaam 377, 34), und dann haben wir hier dieselbe Erscheinung, auf die schon Holtzmann in Betreflf der Laftberg. Nibelungen Hs. (Nibel.-Lied S. IX) aufmerksam ge- macht hat, die Neigung nämlich , gewissen Wörtern auslautend ein unorga- nisches e anzuhängen, z. B. knehte, Menge, der ho/e, ein bischo/e u. s.w. Aach in andern Hss. aus Miesen Gegenden bemerkt man diese Eigenheit. Im Reim braucht eine in dieser Form sonst nur noch Konrad Flec, ein Dich- ter also, der vermuthlich ebendort zu Hause war, in Flore 3368 er was der riehsten eine (: kleine). 6786 daz er was der besten eine (: steine).
Ebenso verhält es sich wohl mit dem schwachen adverbialen Genitiv V\\a. der tckgen (vgl. Gramm. 3 , 135): daz ich der tagen (: klagen: sagen) s6 kUzel hete der minne 6,3, wovon sich zwar vereinzelte Beispiele auch bei andern Dichtem (vgl. GramnL 4 , 685. 509. Hahn 1 , 93) , doch nirgend so häufig treffen, als in Handschriften, die aus der Ostschweiz stammen (vgl. die von Lachmann zu den Nibelungen 461 , 2. aus den Hss. ABC ge- sammelten Belege).
Indem ich unerlaubte rührende Reime (ßtn: dtn 12, 9. gewan: gewan 31, 2. ansehen: ansehen 84, 9. 13), Wortformen wie antfi{^ 88, 9 (vom Her- ausgeber unnöthig in anüiltz verändert und verkürzt, denn wer bSn: I6n reimt, dem darf man auch die altschweizerische Wortbildung anäüt, anUit ZQtrauen) und anderes der Art übergehe, will ich zum Schlüsse nur noch etwas, scheinbar Unwichtiges, in Wirklichkeit aber sehr Bezeichnendes her- vorhebenf, ich meine das Wort wikinCy das bekanntlich von einigen Dichtern mit, von den andern ohne Umlaut gebraucht wird. Dn Lobgesang erscheint es sehr oft, stets mit feenn^? (15, 10. 17, 4. 40, 10. 58, 10. 79, 10. 90, 4), nie mit brvame oder ^unn^ gebunden, die nur unter sich gereimt werden: 13, 10. 38, 10. 60, 10. 62, 10. Daraus erbellt, daß der Verfasser des Lob- gesangs jajUmM mit dem Umlaut sprach. Umgekehrt reimt Gottfried im TrisUn wvuime nur mit mme 8, 16. 9, 33. 42, 15. 277, 11. 316, 11. 421, 3. 431, iL 441, 29. und brunine 436, 19, nie mit kUnnef das wenn ich
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richtig beobachtet nur einmal mit günne gereimt wird, and beweist dadurch, daß er das Wort nur in der alten unumgelautenden Form kannte und brauchte. So geringfügig dies vielleicht Manchem scheinen wird , so liegt doch auch darin ein so strenger Beweis, als irgend einer der vorausgehen- den, der Beweis nämlich, daß Gottfried nicht der Verfasser des Lobgesangs, sein kann.
So viel über den Reim. Der Versbau ist um nichts sorgfältiger und entspricht der Incorrectheit und Verwilderung, die wir in jenem gefimdeD haben, während die Verse im Tristan mit einer Kunst> einer Zierlichkeit und einem feinen Gehör Air Wohllaut gebaut sind, wie in keinem andern epischen Gedichte des Mittelalters. Lachmann freilich hatte sich darüber eine andere Ansicht gebildet, indem er behauptete, Gottfried „habe -bei den genauesten Reimen und bei scheinbar regelmäßigem Silbenfall gröblich gegen die in- nere Reinheit der Verse gesündigt^ (zu den Nibelungen S. 4). Wenn man aber sieht und weiß, daß sich die sämmtlichen Ausstellungen, die er gegen Gottfrieds Verse aufzubringen im Stande war, auf ein paar Punkte beschrän- ken, auf Versschlüsse z. B. wie was er, mac des iht, waz red ich, leb u^ lag €r, nu sag an^ daz tet er, den bat ich (s.zu Iwein 4098), oder minnet €r» erwachet er, und Betonungen wie verirreter Tristan 481 , 10. der verirreie Marke 383, 33. der verwdzene n?^ 210, 5 (vgl. Iwein S. 632 zu denNib.306, 1. 1193, 1. zur Klage S. 318), auf einige Fälle also, die mit dreien seiner metrischen Regeln nicht im Einklang stehen , so wird man fragen dürfen» ob jener herbe Tadel irgend damit begründet ist, und ob wir uns in Beorthei- lung der gottfriedischen und überhaupt der mhd. Verskunst für alle Zukonft nach jenem Machtspruche zu richten haben.
Ich meine nämlich, wenn es sich um Reim und Versbau, wenn es sich um das Abstrahieren metrischer Regeln handelt, so könne Gottfiried mit Recht verlangen , in erster Reihe und vor allen Andern darum befragt zn werden. Angenommen auch, Gottfried habe sich Neuerungen, Abweichun- gen vom Herkömmlichen erlaubt, so war es zu allen Zeiten und bei allen Völkern in diesen Dingen ein Vorrecht ausgezeichneter Geister, nicht bloft Gesetze zu empfangen, sondern selbst Gesetze zu geben, und dadurch auf Mit- und Nachwelt maßgebend und bestimmend einzuwirken. Bekanntlich war es Gottfried, der den vollkommen reinen Reim einführte, und „ihm schlössen sich die kunstreichsten unter den übrigen Dichtern an "^ (W.Grinun, Gesch. des Reims S. 184). Einem Manne, der ein so feines Gef&hl fSr den Gleichklang an den Tag legte, wird uian im Voraus zutrauen, daß er auch in- nerhalb des Verses Alles vermieden haben werde, was ein gebildetes Ohr in damaliger Zeit hätte verletzen können. Das ist auch, wie schon bemerkt» in hohem Maße der Fall.
Nun stellt aber Lachmann die Regel auf: „im Auslaut der letzten Sen- kung oder vorletzten Hebung vor vocalisch aplautender letzter Hebung dürfen
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nach betontem kurzem Vokal nur Liqnidae, dann ch^ seh, z und alle ConsQ* nantenverbindungen, nicht aber eine Media h^ g^ d, eine Tennis p, k, t (die Präposition, mit allein mache hier eine Ausnahme, also mit im, mit art sei zulässig), einfache Aspirata/, h,^ auch s nicht. Falsch seien daher, obwohl im Tristan vorkonmaend, Versschlüsse wie die oben angeführten; erlaubt da- gegen dAr vor ich, v6n der drt, uf den ^t, t^t sich in, daz hdmasch dn» kämpf an, gienc d^a niht äbe, den b4rc dbe, wdz daz ist n. s. w. Der eigent- liche Grund, warum dem einen Consonanten erlaubt sein soll, was dem an- dern verboten ist, wird wie gewöhnlich verschwiegen, wohl aus dem ein- fachen Grunde, weil es gar keinen stichhaltigen Grund dafür gibt. Lach- mann hat beobachtet, daß bei einigen Dichtern, bei Hartraann, Wolfram, Ulrich von Zatzighofen, und ein paar andern, auch in der Nibelungen Hs. A, Yersschl&sse wie die getadelten gar nicht oder nur selten vorkommen; da- mit war die Regel fertig. Nun steht aber jenen eine ganze Reihe anderer, darunter gerade die kunstreichsten Dichter gegenüber, die so frei waren sich an die Regel nicht zu kehren: außer Gottfried, der freilich am öftesten sich dagegen versündigt und desshalb für alle andern büßen muß, Walther von der Vogelweide (^ddz was ich 40, 30), Reinmar der Alte yrö was ich MSH. 1, 189*. sich des dn 192\ ddz tet ich 196*. d^s bat ich 199'), Bligger von Steinach Qnu sag dn: Umhang 29, s. meine Untersuchungen S. 19), Wirnt (jTok an Wigalois 41 , 2), Neithart (ddnne ob ^36, 4. ich was ie 37, 2), der. Stricker (s. die von Bartsch Karl. S.LXXVII verzeichneten Fälle, wo im Versschluß auch/, «, t steht), Flec (iuch des dbe Flore 4069. sich des ^ 6171. sehenty daz vingerlin was ir 7028. ddz lob ich 1014, so ist zu lesen, nicht daa Übe ich) , Rudolf von Ems (öfter) , Ulrich von Winterstetten is6 swig ichUSE. 1, 171 *), Rubin (dA bit ich ehi. 1, 315'), Konrad von Würz- barg und andere mehr. Ja selbst Hartmann hat einmal (der d&wederen mag ^AIwein4098), ebenso Türheim {diu lac öbe Wilh. 183*), dieser sogar noch öfter {und was ie, d4r was ie, Mdhmet ist), die Regel verletzt (Lachmann sacht sie freilich durch die sinnreiche Schreibung macch ich: zu 4098 zu retten), und dadurch schrumpfen die Hauptstützen dieser Regel auf einige wenige zusammen. Unter diesen Umständen wird es keines weitem Be- weises bedürfen, daß diese angebliche Regel, die überall gläubig wiederholt wird und mit deren Hülfe man Walther (zu 44, 34), Wolfram (S.XH) und Reinmar dem Alten (zu Iwein S.476, MF. S.310) Lieder, die solche Vers- schlnsse zeigen , als unecht und unterschoben abgesprochen hat, daß diese Regel sag* ich, weil ihr jede Begründung fehlt, gar keine Regel ist, sondern höchstens den Werth einer Beobachtung hat.
Die zweite Regel, gegen die sich Gottfried versündigt haben soll, schreibt vor, daß bei Wörtern, „die der vocalisch anlautenden letzten Hebung vorangehen und nicht volbtändig, sondern abgekürzt sind, die Kürzung nur nacji einer langen Silbe ' oder Liquida eintreten dürfe''. Hiezu will ich Qwr
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80 viel bemerken, daß auch hier keine Regel vorliegt, die irgend eine allge- meine Gültigkeit hat. Es ist bekannt , daß einzelne Dichter die überschla- genden Reime eben so lieben und sachen\ als andere sie meiden. Letztere, die besonders daraus zu erkennen sind , daß sie sich keiner dreisilbigen Par- ticipia Praesentis im Reime bedienen, pflegen nicht nur die kurz-, sondern aoch die langsilbigen Verba der zweiten schwachen Gonjugation zu kürzen, indem sie dankte, lachte, ßuochte, mirmte, ivtste, I6nte, zeigte, vrägte, beträffte u. s. w. schreiben, mit Syncopierung des Ableitnngsvocals , so Hartmann, Wolfram, der Stricker und Andere. Diese, die Hauptpfeiler jener Regel, haben sich solcher Yersschlüsse, wie minnet er, erlorchet ef\ allerdings, und zwar aas Sehen vor dem überschlagenden Reim, enthalten, während Gottfried, Ru- dolf von Ems und diejenigen, die mit diesen die Neigung zum überschlagen- den Reime theilen, sie sich ohne Bedenken gestattet haben. Es ist auch gar nicht einzusehen , waram ein Dichter , der im Reime die vollen Formen lachete: machete, einneten: minneten, vrdgeten: hetrdgeten u. s.w. brancht, nicht auch eirmeter, minneter, erwacheter, erlacheter flir metrisch und gram- matisch zulässig halten sollte: zwischen beiden besteht lediglich kein unter- schied.
Ich komme zur dritten und schwersten Versündigung, deren sich Gott- fried gegen Lachmanns Metrik schuldig gemacht hat. Die Regel lantet: „auf eine kurzsilbige Hebung mit unbetontem e muß ebenfalls eine Sen- kung mit unbetontem e folgen. In diesem Falle aber darf das unbetonte e der Senkung nicht Anslaut eines Wortes sein, auch keinen andern Conso- nanten nach sich haben alsn". Danach ist also des änderen tdgee, 4inen dndA'en vdtvt, gdr verzwivAen tAe, dehdinen lieberen tdc richtig nnd gut; der dndAre vdnt, unde in knrzirem zil, oder auch xmde in kurzAne zil gans falsch. „Der Grund dieser Regel", fügt Lachmann hinzu, „sei unbekannt^ sie finde sich aber bei allen guten Dichtem, bei Wolfram, Hartmann, in den Nibelungen, bei den Verfassern der Klage und des Biterolf , bei Zatzighofbn (beiläufig : seit wann werden die drei letzten zu den 'guten Dichtem' gerech- net ?) beobachtet." Nur Gottfried, der demnach zu den schlechten Dichtem gehört, „hatte kein Ohr für die feinern Regeln des Versbaus**, denn er schreibt der verirr^te Mdrke 385, 33. d^ verwdzAie nÜ 210, 15. vertrrAer TrUtdn 481 , 10 und, setze ich noch bei, er rün^te euoz^ 436, 26. mä tr vingAre zwein 275 , 30. Zum Glücke steht er aber darin doch nicht gani allein: „die altem Dichtern haben alle diesen Fehler gemacht, am häufigsten Heinrich von Veldeke, und auch Eonrad begeht diese Nachlässigkeit ^^ ebenso der Stricker (vergl. kleine Gedichte ed. Hahn S. XV). Selbst mit Ulrich von Zatzighofen ist es nicht ganz richtig {daz Verworrene Um lesen Lanz. 5062 beide Hss., wie 6789 /ör daz VerwdrrAie tan, wofür der Heraut* geber auf Lachmanns Antrieb dd :^em Verworrenen tan und /Kr daz Verwarn ren Um setzt), und auch der Verfasser der Klage scheint zn schwanken : ISftÖ
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haben alle H&s. bis auf A, die sergangen liest, xergdng^ne tvünne. Da aber ^dies wider die zu Iwein 6575 aufgestellte Regel verstößt, so fällt es (wie natürlich) schwer, dem Dichter der Klage diesen Fehler zuzutrauen^ (Lach« mann zur Klage S. 318j; es liege daher am nächsten, zu bessern zergangen rr wünne. Noch mehr : in Uartmanns Iwein 6575 , an der eben angenhrten Stelle lesen die llaupthandschriften übereinstimmend ime sM/me miget; „da aber der nach der Anmerkung S. 340 (d. h. nach obiger Regel) mangelhafte Vers nothwendig zu verlängern war*'» so hat Lachmann „die einfachste Ergän- zung gewählt "" und nun lautet im Texte der Vers: iemerime selben sagi; iemer ist von Lachmann hinzugefügt, natürlich ohne Handschrift.
Das beste konmit noch. Zur Klage S. 318 sagt Lachmann: „im Par* zival 300, 18 war %»nd uf geM>4^ier pin leicht zu verbessern, so daA Wolf- rams beide Werke nun auch die Regel bestätigen.** Jetzt heiAt es in Lach- manns Ausgabe :
ungetaUiu eippe in gar ecktet von den untien etne, unde üf gerbete ptne i*on vater tmd von muoter ort. Diese vorgebliche leichte Verbesserung ist nun aber nicht mehr und nicht weniger als ein grammatischer Fehler. Entweder muß es heißen tHm den wUten einen oder aber, da das dem Substantivum nachgesetzte Pro- nomen Possessivum gewöhnlich unflectiert bleibt, ron den witzen ein: so ver» langt es die Grammatik und so, nämlich etn: üf geerbter pin, lesen ohne Ausnahme alle Handschriften des ParzivaL Diese Änderung erinnert an jenen merkwürdigen Ausspruch Lachmauns in Betreff der Nibelnngenzeik 851, 1, wo A liefet: do eprcuih der starke Si/rit mit MrUehen eitei „AA^ Udien (statt MrUchem) sei eigentlich ungrammatisch, aber (nach der Regel o&mlich , wonach der adjectivische Dativ auf m in der letzten Senkung nicht gebraucht werden dürfe) metrisch richtig. "" Ich ftlr meinen Theil bin der Ansicht, eine metn&che Regel, die mit der Grammatik im Widersprach steht, tauge gar nichts.
Gewiss ist es in hohem Grade lehrreich, zu sehen, aufweichen Grund- lagen ein großer Theil der lachmannischen Metrik aufgebaut ist, and wie sich die Überlieferung sowohl als die Grammatik biegen und fügen mfißea« nur um eine willkührlich ersonnene Regel aufrecht zu halten. In der Thai, man weiß nicht, woiüber man mehr erstaunen muß: über die Willkühr and Gewaltthätigkeit, womit Lachmann seine metrischen Gesetze aoCsteUte ood durchfährt e, oder über die Leichtgläubigkeit, womit dieselben, ohne alle Prft- (bng, hingenommen und als unumstößliche Wahrheit bis zur Stande vej^ftn» det werden.
Nach obiger Darstellung wird es wohl kaum noch der Versichanwg btdttrfen, daß alle drei Regeln, dtrea Verletiong Gottfried nun Vorwvf
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gemacht wird, jeder thatsächlichen Begründang eDtbehren. Nor der Voll- ständigkeit wegen will ich der zuletzt besprochenen noch beifügen, daß Verse wie bi ^nAno hrurmin, mit ifiAno fing&re riiZy fhes kSia^re» zlnsSs , Iher man himiörg^ta thcb, Verse also, die jenen von Lachmann als falsch erklärten genau entsprechen , schon im Althochdeutschen häufig vorkommen ^ woraus dann nothwendig folgt, daß die so bitter getadelten Verse Gottfrieds, weit entfernt, verwerfliche , von ungebildetem Gehör zeugende Neuerung zu sein, vielmehr auf altherkömmlichen , durch jahrhundertlange Uebung geheiligten metrischen Gesetzen beruhen. Gottfried und seine ihn bewundernden Zeit» genossen haben sich gewiss nicht träumen lassen, daß man ihn um desswillen einst einen Stümper in der Verskunst heißen würde.
Ein großer nicht wegzuläugnender Vorzug in den Versen des Tristan besteht in der grammatischen Correctheit, worin Gottfried alle epischen Dichter des 13. Jahrh. weit übertrifft Grammatisch correct nenne ich Verse, in denen die Worte mit ihren vollen Formen, wie die Grammatik sie veriangt, und unverkürzt gelesen werden können. Das Gegentheil sind Verse, bei denen der Leser ganze Silben und Flexionen zu verschlucken genöthigt ist. Meister in dieser letztern Art von Versen ist Wolfram, dessen Verse dämm als die Blüthe der höfischen metrischen Kunst bezeichnet zu werden pflegen. Verse wie folgende: sS müeze mir allez daz zergdn 114, 7. nämendag kleine weiseUn 47, 24. den wart auch dd gekaufet durch in 57, 13. hU tnite strichen die kiele hin 293, 1 1. otich wären diu lieht und ir schin 380, 22. mit diseme zwivel enweste er war 383, 15, sind überaus selten im Tri- stan, sie sind so selten, daß überall bei ihrem Vorkommen die Frage ent- steht, ob nicht Verderbnisse vorliegen. So dürfte 114, 7 oZ daz, 293, 11. hie mite die kiele strichen hin, 57, 13 mit M dd wart gekou/et auch durch in zu lesen sein. In der That ist in Gottfrieds Versen der Silbenfall nicht bloß scheinbar, wie Lachmann behauptet, sondern wirklich so regelmäftig und correct, wie bei keinem andern Dichter, seinen Nachahmer Konrad etwa ausgenommen.
Auch hierin bildet der Lobgesang das gerade Gegentheil zum Tristan. Es versteht sich, daß ein Dichter, der im Reime die Unterdrückung des aus- lautenden unbetonten e nicht scheut, im Innern des Verses gegen solche Kürzungen noch weniger bedenklich ist. Wir finden daher nicht nur gebcnr du 1718. wer m>oht din 63, 2. enwosr dtn 72, 5, sondern diu sA die 74, 6. kiusch 28, 5 ff. sechsmal in 6iner Strophe, hiut 38, 1. 5. 9. 39, 1 ff. 40, 1 ff. sechsmal, 64, 2. 86, 2. liht 48, 7. Ferner Syncope in etirttn diu heida 1,8. in dem herzn daz höchste guat 2, 11 (wo die Änderung herze deZj obwohl diese Kürzung des Dat. Sing, sich zuweilen findet, unnöthig ist). neigt iuch har 12 ^ 1. lA^t dtne 78, 6. 7. 12^ gewizzniu 94, 5. 68, 3 steht überbreit statt iiberbreitet, eine Kürzung, die sich Hartmann noch im Erec, in seinen spätem Arbeiten nie mehr erlaubt hat. Merkwürdiger als alles
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das sind aber die im Übermaß gebrauchten dreisilbigen Participia PraBsentis mit langer Antepenaltima^ die aber nicht drei-, sondern immer nur zweisilbig gelesen werden müssen: inbrinndiu minne 15, 2. du brinnder stern, du brkmder man 23, 5. du wahsdez liep 32 , 1 . in waUnder sünde umnuoze 36y 8. britmder dunst 57, 5. din süeziu brinndiu minnegluot 58, 12. du brirmdin minne 64, 2. den minne minnden wandele frt 74, .12. der brirm^ den minne fluz; der minnde giuzet^; in brinndiu minndiu herzen; diumimn" diu bluot76f 1. 2. 4. 7. ach wahsdiu tugent, ach wahsdez guot 87, 1 1. ocA wahsedez Uep 88, 1. ach klingder &acA88, 7. ach brinnder mdn 89, 1. ach gUnzder swtme 89, 2. Diese Participia kommen im Tristan ebenfalls häufig, doch nie zwei-, sondern immer nur, wie sichs gehört, dreisilbig vor, z. B. dur ruawe w^inAide nider 66,21. die selbe, wallenden man^l ^29. 70,9. mit nähe mAic^nder epehe 164, 32. mit w^inAiden herzen a/n 165, 36. mit vUegAiden Schenkeln 173, 5. geliche vliegAide her 173, 24. Tristan doz ndhtAide wart 367, 1 9. an der vlleh^nden schar 226 , 10. und schiet er w^nAide dan 442, 23. swiewirz verswig^nde sin 447, 7. dojf Mut der mtnnAiden hol 417, 27. Ist die Antepenultina kurz, so versteht es sich, daß das Wort zweisilbig gelesen wird : m disen tobenden iinden 63, 5. und klagende sprach er wider sich 60, 39 0. s. w. Von jenen barbarischen Kürzungen (oder klingt wahsder, kling- der, glenzder, wo die Schreibung allerdings vom Herausgeber herrührt, nicht barbarisch?) gewährt der Tristan auch nicht ein einzig.es Beispiel.
Eine, wenn auch nicht geradezu seltene, doch jedenfalls ungenaue und Dachlässige Betonung zeigt sich mehreremal im Lobgesang in zweisilbigen, mit den Partikeln un- und in- zusammengesetzten Wörtern auf der letzten Hebung und Senkung: und düe iinzuht 15, 7. die fdht verderbet kein uh- gunst 35, 6. so enüiuhtet ime der süeze ingdnc 10, 11. Hier wird un- und ff»- in die Senkung giesetzt, was gegen die Hauptregel der altdeutschen Be- tonong verstöSt und eine Verwilderung verräth , deren sich kein sorgfaltiger nnd gebildeter Dichter schuldig gemacht hätte. Gottfried betont solche 3ub- stantiva im Tristan stets regelrecht, indem er sie als zwei Hebungen mit fehlender Senkung braucht sus la>c si in der linmähtS^^ 24. an zwivel unde anunirSst 176, 39. tinmiiot383, 13. {n^iht 384, 14. 387, 12. 388, 9. vgl ferner lirsprunc 285, 6. 297, 40. 451, 30 u. s. w. Etwas anderes ist es mit dreisilbigen Wörtern , deren erster Silbe schon seit Otfried häufig der Ton entzogen, wird (vgl. Lachmann über ahd. Betonung S. 18 ff.), und die anch bei Grottfried meist in die Senkung fallt, z. B. imwdrhSt 390, 26. in- grü^ 426, 21. immüoze 430^ 29.
Hier will ich noch die Betrachtung einiger ungewöhnlicher Wortbildun- gen anjfügc^n. sus gtstu blüender bluomen ber an alle wer dim liebsten in- gesinde 61, 12. ber scheint ein Femininum zu sein und Wachsthum, Trieb zu bedeuten. Das Wort kann in diesem Sinne nirgends sonst nachgewiesen werden, TgL mbd. W. B. 1, 144. — - dctz aller liebste spü wil ich für elliu spilßMeren
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81 , 4. fldrieren heißt sonst (vgl. mhd. W. B. 3,^54) schmücken, zieren, hier (durch Blumen der Rede?) rühmen, preisen. Gottfried, so geneigt er auch der Anwendung fran2ösischer Ausdrücke ist, braucht das Wort weder in dem einen, noch im andern Sinne. — inbrünstiu herzen hitze 15, 4. m- hrünste steht hier fiir itänilmtiCy eine offenbar fehlerhafte Wortbildung, denn man kann iribrilnsfe so wenig sagen, als- etwa tmgiinste, urüdingte für ungikk^ stiCj unkünstic, oder Mvrfie für kün/tic; das mhd. W. B. 1, 253 hat nur diesen einen Beleg. — Noch wunderlicher ist der Aüsimck jugende: aeh jtiffendiu juffent, ach jugender muot87y 9. jugende scheint Participium Prss. zu sein und setzt dann ein Verbum jugen (jung werden oder verjüngen ?) voraus, aber ein solches Wort hat es wohl nie gegeben. Wahrscheinlich stelst es indess verkürzt für jun^K^n^^, verjüngende, und reiht sich dann den oben an- geführten barbarischen Verkürzungen an = jtmgnde. Im mhd. W. B. 1, 777 finde ich es nicht verzeichnet und der Herausgeber hat es unerklärt ge» lassen.
Mehrere andere auffällige und wohl kaum einem höfischen Dichter ge* läufige Ausdrücke übergehe ich als von minderm Belang, um hier nur noch einer eigenthümlichen Erscheinung zu gedenken.
Eine ganz besondere Vorliebe hat nämlich der Verfasser des LG. f&r das Participinm bemde und er wird nicht müde , dasselbe in seiner einfachen Form und allen möglichen, grammatisch öfter bedenklichen Zusammensetzon- gen anzubringen. tV bemdiu /ruht hat bemden regen 3, 9. bemdez Uit 9, 7. in einer bemden uriinne 11, 10. ir bemden himel 12, 1. mü benuUr. wirde 13, 1. von berndes regena güete 13, 4. üf bemde bluot 13, 7. doM bemde minnetranc 14, 9. bemder g^idd^ ein /ruht 15, 6. bemder tugemJU ein edel krüt 21, 5. diner bemder tagende ziot 29, 9. bemder &en zufi 30^ 5. bemder firöude ein anevanc 30, 9. din bemder sunnen echin 33, 5. dm bemde stunde 34, 2. 4revbemde blatte 47, 14. iemer bemdez leben 63, 1. einbemder botim 64, 11. bemdiu minnebluot 67, 1.. dtne bemde güete 67 , 4. bemdiu bluot 73, 13. diner bemder gndden zwi 81, 12. din bemdiu 9Üag€ 86, 14. bemdiu heide 89, 4. der bemden tagende güete 93, 4. der frdmie bemder sunne 13, 10. reinebemder muot 14, 1. liehtebemder tae 16, 1. uHlnnebemdez herzengelt 17, 2. liehtebemder morgenrSt 17, 6. wünnebemdeg /röuden tach 19, 5. hel/ebemder kra/t ein tum 19, 9. ein eaddebemdiu stunde 21, 8. u^ünnebemden ein 22 , 11. /röudenberndiu urünne 40, 10. von herzenbemdem (?) leide 45, 10. /rötAdebernderrdt49, 1. der wunder* bemden lüste 49, 14. in vil etrengebemder nSt 57, 2. wännebemder eckin 59, 6. würmebemden sin 59, 11. ein /röudebemder sunne 60, 10. mtrfin- nebemdem werde 64, 8. din minnebemder muot 72, 5. dich minnebemde nUnnebluot 74, 1. von wandelbemdem sinne 81, 14. /ür durstebemden smerzen 88, 8. vol der wünnebemden wünne 90, 4. ein /röidebemder dorn 92,2. achwikmebemder&entacQS^S. DemVer&sser'des mhd. Wörterbooht
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hat der LO. allein mehr Beispiele dieses Compositnms gewährt» als die übri- gen von ihm gelesenen mhd. Spracbdenkmäler znsammengenoromen. Die flnifzigmalige Wiederhohing eines ond desselben Ansdmcks in einem Ge- dichte von 1300 Versen geht aber fast über das Maß des Erlaubten hinaus ; ver möchte einem Meister der Rede wie Gottfried, der das Wort im Tristan, in 20,000 Versen, nur ein paar Mal (diu sunnebemdM vensterlfn 430, 19. tr unmnebemde wiise 436, 14), gebraucht, eine solche Armseligkeit und Ge- schmacklosigkeit zutrauen?
Noch mehr, wer möchte einem Dichter von Gottfrieds poetischer Be- gabung ein Gedicht von dieser Form und Anlage überhaupt zutrauen? So wenig Jemand in Abrede stellen wird, daß der Lobgesang, namentlich zu Anfang, manch tiefen Gedanken, manch schönes, ergreifendes Bild enthält, und daft es ihm im Einzelnen auch nicht an einer gewissen Wärme und In- nigkeit des Gefühls fehlt, ebensowenig kann geläugnet werden, daß das Ge- dicht, als Ganzes betrachtet, das gerade Gegentheil eines poetischen Kunst- werks ist. Darüber sind, bis auf Herrn Watterich, alle Litterarhistoriker, selbst diejenigen, deren Urtheile sonst, besonders über geistliche Poesie, weit auseinander zu gehen pflegen, einerlei Meinung. In der That, wie sollte auch diese Häufung und unvermittelte Aneinanderreihung von Bildern und Gleich- nissen, wie soUtendiese Wortspiele und Tändeleien, die nirgends ungehöri- ger erscheinen als in einem geistlichen Liede, wie das durchs Ganze gehende erzwungene Pathos einen andern als erkältenden, ja peinlichen Eindruck her- vorbringen können ? Mit jeder neuen Strophe nin^mt der Verfasser unter ge- waltigen Anstrengungen einen neuen Anlauf, und dennoch gewahrt man, trotz aller Unruhe und Bewegung, nirgends einen Fortschritt des Gedan- keos: der Leser hat fortwährend das Gefühl eines Träumenden, der eine Reise antreten soll und ungeachtet alles Drängens und Treibens nicht von der Stelle kommt.
Jene Bilder, Gleichnisse und Attribute' der hl. Jungfrau hat der Ver- fasser des Lobgesangs allerdings ebensowenig selbst erfunden , als Konrad von Würzbnrg m der goldenen Schmiede : sie beruhen hier wie dort auf ur- alter Überlieferung. Wohl aber sind beide für den Gebrauch verantwortlich, den sie davon gemacht haben. Was bei andern deutseben Dichtern, welche Lieder zum Preise der Jungfrau Maria gesungen , nur mäßig und eben da- durch den Eindruck verstärkend gebraucht wurde, das ist hier zu einem Blu- meostraufi zusammengebunden, der in seiner bunten, betäubenden Überfülle nicht mehr erfreut, sondern die Sinne verwirrt und keinen reinen Genuß auf- kommen lässt. Einer solchen maßlosen und allem Geschmack widersprechen- den Häufung zerstreuter Bilder und Gleichnisse wird Niemand einen wahren Dichter von künstlerischem Bewusstsein und poetischer Schöpferkraft für fähig halten. Mit Recht hat man dem Lobgesang und der goldenen Schmiede den herrlichen Leich Walthers von der Vogelweide {f^got^ diner triniUUevi.B.ir,
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S. 3 — 8) gegenübergestellt, der durch die wahre Frömmigkeit und feurige Lmigkeit, durch die stäte Frische der Gedanken und Bilder und durch das schöne Maß , das der Dichter zu bewahren weiß , eben so wohlthuend an- spricht und ergreift, als die Überladung in den beiden Andern verletzt und zurückstößt. Gewiss würde Gottfried, die Walthem allein von allen eben- bürtige Dichtematur, hätte er sein Talent je einem solchen Gegenstande za- gewendet,*nicht hinter diesem zurückgeblieben sein.
Um den Lobgesang gedichtet zu haben, müßten noch ganz andere, nicht weniger wunderbare, viel tiefer greifende Veränderungen, als die sind, von denen Herr Watterich uns berichtet, mit Gottfried vorgegangen sein : er, der eigentliche Schöpfer des genauen Reims, „der in solcher Reinheit und Vol- lendung nie wiederkehren wird" (s. W. Grimm, Geschichte des Reims S. 184)9 müßte mit dem sündigen Menschen zugleich auch den Dichter ausgezogen, er müßte die früher so meisterhaft geübte, ihm gewiss nicht bloß angebildete, sondern angeborne Kunst abgestreift und wie ein getragenes Kleid bis auf die Erinnerung von sich geworfen haben, und derselbe Dichter, dessen Tristan den Glänzpunkt der höfischen Poesie bezeichnet, wäre dann auch der erste Urheber ihres Verfalles, eines Verfalles, wie er nach unsem bisher ge- machten Beobachtungen erst ffin&ig und mehr Jahre später sich in der Poe- sie zu zeigen beginnt.
Veränderungen dieser Art wird Niemand bei Gottfried fiir möglich hal- ten, selbst Herr Watterich nicht. Denn obwohl er S. 5 den „begeisterten Freunden und Bewunderern^ des Tristan mit „dem züchtigenden Urtheil der Geschichte^ droht, so weiß er doch den Kunstwerth dieses Gedichtes sehr wohl zu würdigen und verräth sich an manchen Stellen seiner Schrift als einen viel größeren Verehrer des Tristan, als er sich selbst zu gestehen scheint. In der That gilt seine Begeisterung zum großen Theil weit weniger dem „Sänger der Gottesminne ^* als dem „Sänger der Frauenminne *^, und wir hegen starke Zweifel , ob er je zu seiner Schrift sich hätte anregen lassen, ohne die Überzeugung, der Verfasser des Lobgesangs sei eins mit dem Dich- ter des vielgeschmähten und doch wieder so hoch gerühmten Tristan.
Daß dieser Annahme nicht weniger als Alles widerstreitet, glaube ich in überzeugender Weise dargethan zu haben.
Wie aber, wird man mir einwenden , verträgt sich dieses Ergebniss mit der Angabe der Pariser Handschrift, welche uns den Lobgesang unter Gott- frieds Namen überliefert, und mit dem Zeugnisse Konrads von Würzbarg, der in der goldnen Schmiede das Gedicht dem Gottfried ausdrücklich zuschreibt? Was die erstere betrifiPt, so dürfte es zur Genüge bekannt sein, wie wenig in Bezug auf die Namen den häufig unsicbern und sich gegenseitig widerspre- chenden Angaben unserer Liederhandschriften zu trauen ist , und mit Recht hat man sich bisher nie dadurch abhalten lassen, sobald sich gewichtige Gründe' dagegen aufdrängten , einem Dichter Lieder abzusprechen. Weit
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widitiger ist Eoorads Zengniss , und allerdings scheint nur dieses den Blick 80 mancher Grelehrten getrübt oder doch von einer genauen Untersuchung abgehalten zu haben, die den Irrthum und die Wahrheit unzweifelhaft längst hätte an den Tag bringen niußen. Aber auch angenommen, jene Stelle ent?- hielte wirklich, was man bisher aus ihr herausgelesen hat, so blieben nichts destoweniger meine Beweise in voller Kraft bestehen und nur so viel ließe sich daraus folgern, daß man dem Dichter des Tristan schon zu Eonrads Zeit den Lobgesang unterschoben habe. — Nachdem Konrad den Wunsch ausge- sprochen , der hohen Himmelskönigin in der Schmiede seines Herzens ein lied aus Grold und Edelsteinen zu würken, gesteht er, nicht diejenige Kunst Qod Meisterschaft zu besitzen, um sie nach voller Würdigkeit loben und prei- sen zu können. Das wäre selbst dann unmöglich, wenn seine Rede wie ein Adler sich in die Höhe zu schwingen vermöchte. Nun sei aber seine Wort- fugODg ungelenk, er sei fremd in dem Frühlingsgarten der Kunst, wo die (Rede-) Blumen gebrochen werden , wie sie zu einem ihrer würdigen Kranze gehören ; der Glanz erhabener Gedanken lasse ihn ungeblendet, seltene Reime kommen bei ihm nicht zur Blüthe und eben so wenig klinge in ihm der un- unterbrochen leise dahin rauschende Strom klarer Erfindung. l)ann fUhrt erfort (94—103):
ich sitze auch rdht üf griienen^ klS von aüezer rede touwes naz^ dd mrdeclicheh uffe saz von Sirdzburc meieter Got/rit, der ah ein wosher hau^etsmü guldin getihte worhte. der het^ an alle vorhte^ dich gerilemet, vrowe^ ha^s denn ich, vil reinez tugentvoz^ immer künne dich getuon.
Wenn ich nicht irre, so war es Docen (Museum für altd. Litteratur 1, 164), der zuerst aus dieser Stelle auf das Vorhandensein von Gedichten Gottfrieds auf. die hl. Jungfrau den Schluß gezogen hat: der Lobgesang, von dem bei Bodmer 2, 183. 184 bloß neun Strophen abgedruckt waren, erschien nämlich vollständig, d. h. so weit er in der Pariser Hs. enthalten ist, erst in V. dHagens Ausgabe Gottfrieds 2, 102—115. V.d. Hagen pflichtete dieser Vermuthung Docens bei, indem er die Anspielung auf denXobgesang bezog, und seitdem galt die Sache, ohne alle weitere Prüfung, einfach für ausge- macht. Wir müßen desshalb die Stelle genauer ansehen, und es wird zu die«» sem Ende nöthig sein, sie zu übersetzen.
Nicht bloß der Mangel glänzender Gedanken und reicher Erfindungs- gabe ißt eSj den Konrad beklagt: er entbehre auch der süßen thaufrischeik
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Rede , wie sie Gottfried von Straßbarg in so hohem Mafte besessen habe, der wie ein rechter Meister der Kunst, als erster der Schmiede, d. h. der Dichter, ein goldnes, kostbares Gedicht geschaffen; „der würde, ohne allen Zweifel, dich besser gerühmt haben ^ als ich es jemals zu thun im Stande bin". Dies ist nach meiner Überzeugung der grammatisch einzig zu- lässige Sinn. Wie ist es möglich, daraas auf geistliche Gedichte zu schliefen, die Gottfried verfasst habe ? Dann könnte es nicht het^ das unbedingt nur der Conjunctiv des PrsBteritums sein kann, der bei Konrad hete und haUe laatet» sondern es müßte Iidt heißen. Jiet, hette lesen aber mit Ausnahme der Würzburger Hs. alle übrigen Hss. , neun an der Zahl. In jener Würzbur- ger Hs. (auf die, zu seiner Entschuldigung sei es gesagt , Docen sich damak berief) hat aber die Stelle folgende Änderung erfahren :
der ie, an alle varhte, dich vil reine tagende vaz hat gerüemet hezzer unde haz denne ich, vrouwe, müge getuon*
Und so etwa müßte die Stelle allerdings lauten, wenn sie den Sinn enthalten sollte, den man bisher hineingelegt hat. Wir haben hier die, vielleicht unbe- dachte, vielleicht absichtliche Änderung eines Schreibers, der die Stelle ent- weder missverstanden hat, oder wirklich der Meinung war, Konrad sage hier, Gottfried habe zum Lobe der Jungfrau Maria bessere Gedichte als er im Stande sei gemacht. Ein ähnliches Missverständniss obiger , keiner andern Peutung fähigen Verse ist dann ohne Zweifel Veranlassung gewesen , Gott- fried schon zu Anfang des 14. Jahrh. den Lobgesang eines Namenlosen unterzuschieben. Hieraus erhellt auch, wie ungegründet der von W.Grimm (gold. Schmiede S. XVII) gegen Konrad erhobene Vorwurf war : „in der Äußerung seines Bedauerns, seinem Gegenstande nicht gewachsen zu sein, wie in der zur Schau gelegten Bescheidenheit , womit er seinen Vorgänger über sich stelle, liege nur eine versteckte Eitelkeit : er habe diesen in glän- zender Rede zu übertre£fen gehofft.^ Soweit wir Konrads Charakter ans seinen Werken zu beurtheilen vermögen , lag ihm eine solche eitle Selbst- überhebung ferne, und wenn er seinen Meister und sein Vorbild., dem er nachzueifern so sichtlich bemüht war , über sich stellt und ihn als grOftem Dichter anerkennt, so war es ihm damit gewiss vollkommen Ernst. Unter dem goldenen Gedichte (so konnte er, beim Bilde bleibend, es nennen, wie er Gottfried einen kunstreichen Hauptschmied nennt, ohne Furcht missVer- standen zu werden), kann nur der Tristan gemeint sein, aufweichen gerade die beiden Zeilen
ich sitze ouch niht 6/ grilenem klS
von siiezer rede touwes naz
cmverkenubare Anspielung enthalten. Konrad hatte dabei jene pricii»
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tige Stelle im Siane (Tristan 123, 13 ff.), worin der Dichter in seiner uimachahmlicfaen Weise om die Gabe der Rede flehend sich zum Helikon wendet, zu dem Wohnsitze des AppoUo und der neun Musen,
von dem die brunnen diezent üz den die gäbe vliezerd der warte unt der sinne (123, 27 — 29), zu dem obersten Throne,
von dem diu wort entspringent,
diu durch daz 6re klingeni
und in daz herze lachent (124, 19 — 21).
Sie, die Musen, haben den Quell der Rede und der Gedanken (die Hip- pokr^e) schon manchem Mann in so reicher Fülle zu Theil werden lassen, dit sie ihm einen Tropfen daraus mit Ehren nicht versagen kcAinen. Nun iogenommen auch, fägt der Dichter am Schlüsse hinzu, das sei geschehen md ich meiner Bitte um die Gabe der Rede reichlich gewährt : ich sei im Stande, meine Worte allen Qbren süß zu machen und alle Herzen damit zu erquicken ; angenommen, meine Rede schreite so rein und zierlich einher,
— daz si niwan vfem klS
unde üf Uehten bluomen g4 (125, 1. 2),
dennoch könne er sich nicht entschließen, seine Gedanken einem Gegenstand zuzuwenden, an dessen Preis sich schon so mancher vergeblich bemüht habe. Der Nachdruck, den Konrad auf die süße Rede legt, die Gottfried in der Tbat wie keinem zweiten Dichter des Mittelalters eigen war, und die Wie- derholung des Bildes vom grünen Klee beweisen es aufs deutlichste , daß ihm bei seiner preisenden Erwähnung des Meisters gerade diese Stelle aus dem Tristan vorgeschwebt hat. Von geistlichen Liedern zum Lobe der Jung- firau Maria ist überall gar keine Rede.
Ich werfe noch eben Blick auf das von der Pariser Hs. allein und eben- &lls anter Gottfrieds Namen überlieferte Lied von der Armuth, das allem Anschein Hm. Watterich zum Ausgangspunkt jseiner Hypothese gedient hat. Es ist bei dem geringen Umfang dieses Gedichtes selbstverständlich , daß es einer Untersuchung in Beziehung auf Reim und Metrik nicht so viel Stoff ge- währen kann als der Lobgesang. Indessen reicht das Wenige , was es in dieser Beziehung darbietet, vollkommen hin, um zu zeigen, daß auch hi^r nicht an Gottfried zu denken ist. Nachdem ihm einmal der Lobgesabg unter- schoben war, gieng es in einem hin, noch ein zweites Lied geistlichen Inhalts mit seinem Namen zu schmücken. Zuerst fällt das Adjectivum geile 5, 7 auf, das bei allen höfischen Dichtern, auch bei Gottfried, geil lautet. Es scheint eine mabdartliche Form zu sein, die das mhd» Wörterbuch 1, 494 nur noch eimnal, in einem Liede des tugendhaften Schreibers (MSH. 1, 149*"), nachzu- weisen vermag. Ebenfalls mundartlich und im Mhd. unerhört (dasmhd.W.B.
80 FRANZ PFEIFFER, OBER GOTTFRIED VON STRASSBURG.
1, 181 hat diesen einzigen Beleg) ist das zweimal 7, 4 ond 1 1, 6 im Reime mit liuien : triuten erscheinende erbiuten (goth. biudan , ahd. piatan) statt «r- bieten, wie es bei allen andern Dichtem sonst lautet. Aoffallelid bt ferner das Adjectivom unwende 13, 6. für unwendec^ die bei Gottfried (38, 25 diu toedec unde unwendec sint 65 , 36. do ime diu vart unwendec wart) und sonst, auch im ahd. (vgl. Graff 1, 763 unwendic) gebräuchliche Form; es scheint österreichisch: deisi unwende Neidhart 28, 35 (s. Haupt zu 50, 10)» Helbl. 1, 547. Urst. 124, 2. Auf ein paar andere, minder bedeutende Reime will ich weiter kein Gewicht legen, in der Meinung, die besprochenen werden zum Beweise meiner obigen Behauptung genügen.
In Einem Punkte bin ich indess Hrn. Watterichs Ansicht, darin nämlich, daß ich in Übereinstimmung mit ihm die Verfasser beider Gedichte, des Lob- gesangs sowohl als des Liedes von der Armuth , für Klostergeisfliche halte. Die langathmige Form der Strophen, die ünkunst im Versbau und Reim, das Hereinbrechen und Sichbreitmachen des Dialektischen, endlich dar Lahalt selbst machen Dichter dieses Standes wahrscheinlich. Der Lobgesang zeigt große (auch Hrn. W. S. 36 und vor ihm schoiT v. d. Hagen MS. 4, 99 aufge- fallene) Ähnlichkeit mit einem Gedichte des Dominikanerbruders Eberhard von Sax (MSH. 1 , 68 ff.) aus dem Rheinthal unweit Feldkirch, das aber viel reiner gereimt ist und leicht jenem (nicht umgekehrt, wie Hr. W. meint) zqm Vorbild gedient haben könnte. Der LG* wird kaum weit über das letzte Viertel des 13. Jahrh. zurückreichen. Etwas älter scheint das Lied von der Armuth zu sein : daß es ein Mitglied des Franciscaner-Ordens zum Ver&sser habe, lässt allerdings der Inhalt vermuthen. —
In der vorstehenden kleinen Untersuchung habe ich, auf dem einzig möglichen , aber auch allein zum sichern Ziele führenden Wege den Beweis zu liefern mich bemüht, daß und warum Gottfried von Straßburg der Ver- fasser der beiden ihm beigelegten Gedichte nicht sein kann. Ich habe mir 2a diesem Behufe nichts zurecht zu legen oder für meine Zwecke zu drehen und zu wenden nöthig gehabt, sondern an den Gegenstand der Untersuchung ein- fach den Maßstab der Prüfung und Vergleichung gelegt. Hoffentlich ist mir der überzeugende Beweis gelungen; ob auch in den Augen desjenigen, der mich zur Ausführung der Arbeit veranlasst hat, muß ich dahin gestellt sein lassen. Leider vertragen sich, zumal in sprachlichen Dingen, überströmende Begeisterung und nüchterne Forschung nur selten gut mit einander; diese strebt und trachtet nach festen Grundlagen, während jene in ihrem hohen Fluge leicht das Wesen preisgibt, um einem täuschenden Scheine nachsn- jagen. Unter der Berührung der Kritik ist das blendende Bild , das Heim Watterichs rege Phantasie mit lebhaften Farben vor unsern Blicken hinjge- zaubert hat, in Nebel zerronnen ^ und über dem Leben des großen Dichters waltat das frühere undurchdringliche Dunkel. WIEN, Febniar 1868.
ALF. BOCHÄT, WOLFRAM V. ESCHENBACH ÜKD CHRESTIENS DE TROTES. 81
WOLFRAM TON ESCHENBACH UND CHRESTIENS DE
TROYES.
VON
ALFRED ROCHAT.
Die folgende Untersuchung hat den Zweck, neues Licht zu werfen auf einen bedeutenden Punkt der mittelalterlichen Litteraturgeschichte , welcher zwar vielfach behandelt, bis jetzt aber weder aufgeklärt, noch auch einiger- mafien befriedigend erörtert worden ist. Es ist in der That keine unbedeu- tende Sache zu erfahren, auf welche Weise ein Werk wie Wolframs Parzival entstanden ist, welcher Grundlage es seine Existenz verdankt, ob und in wie fem sein Ruhm durch ein anderes, ähnliches Werk bedingt ist, oder ob sein Dichter in allen Punkten selbständig und schöpferisch aufbrat. Zwar sollte es scheinen « als sei diese Frage schon lange beantwortet worden , da uns Wolfiram selbst, wie man meint, die Mittel dazu gibt; und so ist man auch auf Schlüsse gerathen, die, wenn sie berechtigt sind, der sogenannten ersten klassischen Periode der deutscfhen Poesie wahrlich nicht viel Gutes übrig lassen. Denn, angenommen, daß wir Wolframs Angaben über seine QoeUe glauben dürfen, so hat er seinen Parzival übersetzt und abgeschrieben, keineswegs verfasst Immerhin käme ihm so noch der Eingang, Gahmurets Geschichte, zu; allein auch diesen sogar scheint man ihm .absprechen zu wollen, und San Martes geistreiche Bemerkungen darüber (Germ. 2, 386 ff.) berechtigen ihn zu keiner andern Annahme als dieser : nicht nur das Gedicht selbst, sondern auch die ganze Einleitung ist Kiots Werk, und demnach wäre der rechte Titiel des deutschen Gedichtes: „Parzival ins Mittelhochdeutsche übersetzt von W. von Eschenbach. " -^ So weit ist man gegangen ! — Da- her scheint es an der Zeit zu sein, eine neue Untersuchung über diesen Gegenstand zu beginnen. Ein glücklicher Zufall hat mich darauf hingeführt; ich durfte die Gelegenheit nicht verpassen. Eine längst bekannte Thatsache ist es zwar, daß nicht nur der Anfang von Chrestiens Gontes del Graal , der vielfach abgedruckt ist, sondern auch der weitere Verlauf dieses Gedichtes, wie man ihn aus den Capitelüberschriften der Pariser Handschriften bis jetzt hat kennen gelernt, eine auffallende Übereinstimmung mit Wolframs Parzival beurkunden; allein mau hat sich damit begnügt, diese Thatsache darzuthun, ohne daran zu denken, daß eine solche Ähnlichkeit zwischen zwei Gedichten verschiedener Verfasser dem bloßen Zufall unmöglich beigeschrieben werden dürfe. In seinen „Gontes popnlaires des anc. B." hat la Villemarquä einen bedeutenden Theil aus dem Anfang des G. del G. abdrucken lassen, wor- aus man ohne viel Phantasie zu dem Schlüsse kommen kann, daß der m. 6
82 ALFRED ROCHAT
Anfang des dentschen Gedichtes (ich lasse den ganzen Eingang bei Seite) beinahe wörtlich mit dem Anfange des französischen zusanunenstimmt. Ich verschaffte mir eine Abschrift letztern Gedichtes, wie es in der Bemer Hs. 354 vorliegt; ich wurde überrascht darch die Ähnlichkeit, welche schon in den ersten 1 00 Versen zwischen beiden Bearbeitungen herrscht, und auf jedem folgenden Blatte erkannte ich Wolfram wieder. Inzwischen bekam ich die dritte Ausgabe von Simrocks ^Parcival und Titurel", und seine dort nieder- gelegte neue Ansicht über die Entstellung des deutschen Gedichtes ermathigte mich zu weiterer^ genauerer Yergleichung. So ist die Untersuchung entstan- den^ welche ich auf folgenden Blättern mittheile; sie folgt Schritt ffir Schritt der deutschen und französischen Erzählung. Den deutschen Text schrieb ich, als den bekannten, zuerst nieder, um den unbekannten französischen da^ mit zu vergleichen. Ich glaube nichts Erhebliches ausgelassen zu haben; auf jede Einzelheit einzugehen besaß ich den Muth und die Zeit nicht, and weiß nicht, wie sich das thun ließe, ohne den zusammenhängenden Über- blick zu stören, der für mich, vor der Hand, die Hauptsache ist Jeden Satz« jeden Vers anzugeben, den Wolfram benützt hat, ist eine Arbeit-, der sich die wenigsten unterziehen möchten, wenn man bedenkt, dafi er Chrestiens nicht bloß abschreibt , sondern überall wählt und sondert, und unter 100 Versen nicht selten der letzte im französischen Texte zum ersten im deut- schen wird, sobald es eben dem Dichter gut dünkt, ihn nicht fahren zu las- sen. Vorausgreifen darf ich übrigens nicht; dasErgebniss der Untersachnng kann erst auf diese folgen. Chrestiens tritt in den Vordergrund, Kiot snrück» er ist ja so schon unbekannt genug. —
WOLFRAM. CHRESTIENS.
V. 118 — 120, 10. Parcivals Erziehung in der Wüste, seine Jagdliebe, werden in Chrestiens Bearbeitung nur angedeutet und zwar hie und da im Laufe der Erzählung, wie z. B. die Lehre über Gott und Teufel, welche die Mutter ihrem Sohne ertheilt, nicht wie bei Wolfram in den Mund der Matter gelegt, sondern erst später angeführt wird , ^Is Parzival gelegentlich der- selben gedenkt. Hmgegen fUngt eine genaue Übereinstimmung an Vers
120,10—125,29. 65—338.
Begegnung mit den Rittern ; woraus als wörtlich übereinstimmend in beiden Bearbeitungen folgende Stellen hervorzuheben sind. Vers 73 bei Chrestiens: de la gaste foret soUaine entspricht dem früheren Vera bei Wolfram 118, 1 zer waste in Soltdne; alsdann
120, 15. d4 h6rter schal von huofslegen, 98. tant quil oit parmi lo gant
sin gabyldt begunder wegen : venir 5 Chevaliers armes
dd sprach er ^waz han ich vernomn ? li valles ot, et ne yoit pas
wan wolt et nu der tiurel komn ces qui rienent plus que lo pas-;
mit grimme zomecliche ! si se merveille et dit „par m*
WOLFRAM VON ESCHENBACH DND CHRESTIENS DE TROTES.
83
den bestSende ieh sicherlicbe. nun muoter freisen Ton im sagt : ich wene ir eilen si Terzagt.' alsus stuont er in strites ger.
120, 24. nn seht, dort kom geschiuftet her dr! ritter nach wünsch« var, Ton faoze üf gewapent gar. der knappe wände sunder spot, daz ieslicher waere ein got. dd stuont euch er niht langer hie, in den phat riel er üf siniu knie, lute rief der knappe san 'hilf, got : du niaht wol helfe han/
121, 7. ein pris den wir Baier tragen Buoz ich Yon WILleisen sagen : die sint toerscher denne Beiersch her, nnt doch bi npanlieber wer.
122, 25. dd rief er lute sunder spot 'nu hilf mir, hilfericher got'. ril dicke tu an sin gebet Fil li roj Gahmuret. der f&rste sprach 'ich pin niht got, ich leiste ab gerne sin gebot.
123,3. der knappe fragte fürbaz 'du nennest ritter, waz ist daz ? bastu niht gotlicher kraft, so sage mir, wer git ritterschaffc ?' 'daz taot der künec Artus. * junehSrre, komt ir in des hüs, der bringet iuch an ritters namn-, daz irs iuch nimmer dorfet schamn'.
Yoir me dit ma mere, ma dame, qui .me dit que deiable sont plus e£fraee chose do mont et si dist, por moi engaigner, que por aus se doit on saigner ; mais ia voir ne m*en saignerai, que cest engin desdegnerai, ains ferrai lo cop lo plus fort d un des iavelots que ie port, que il n'aprocheront de moi ....
123. et quant il les vit en apert, que do bois furent descoTert, si vit les haubers fremiens, et les hiaumes clers et luisans, et vit lo vert et lo vermoil reluire contre le soloil et Tor et Tazur et Targent ; si li fu moult tres bei et gent et dit „biaux sire de^, merci! ce sont ange que ie voi ci etc.**
149. maintenant vers terre se lance et a dit toute sa creance et ordisons que il savoit.
236. sire, sachiez bien entresait^ que Gualois sont tuit par nature plus fol que bestes en pasture.
168. estes tos dex?' «nenil par foi". 'Qui estes tos?' „Chevaliers sui".
1 70. 'ains mes Chevalier ne conui, &it li Talles, ne nul n*en Ti, n*onques mes parier n*en oi, mes TOS estes plus hex que dex! . . •
275. et eil qui petit fii senes li dist : 'fustes tos ensi nes f 'nenil, Talles, ce ne puet estre que Chevaliers puisse ensi nestre*. „qui vos atoma donc ansi?" 'valles, ie te dirai bien qui.' ndites lo dono" ; 'moult Tolentiers, ,n'a pas enoor oinq iors antiers
6»
84
ALFRED ROCHAT
123, 25. aldä begreif des knappen hant swaz er isers ame fUrsten rant : dez harnasch begunder schouwen.
124, 11. aber sprach der knappe snel 'ob die hirze trfiegen sus ir Tel so yerwunt ir niht min gabyldt. der Teilet mang^r Tor mir tdt'.
125, 17. die büliute verzagten, dd die beide für si jagten, si sprachen 'wiest uns sus geschehen? hat unser juncherre ersehen üf disen rittern helme schart, sone han wir uns niht wol bewart, wir sulen der küniginne haz Yon schulden beeren . . .
■
125, 29 —•129, 5.
que tot ce hamois me dona li rois Artus qui m*adoba'.
252. et li valles lo tenoit pris au pan do haubertj'si lo tire» et li Talles conmance a dire : quest ce que tos aves yestu'?
267. 'dans Chevaliers, de tes hanbers guart dex les biches et les oen, que nul ocire n*en porroie, ne iamais apres ne corroie f
305. et quant i( virent lor signor si tranblerent tuit de paor, et sayes por coi il lo firent : por les cheTaliers que il Tirent» et lor signor aroques Toient» et bien sorent s'il li aroient lor afaire dit et lor estre que il Yodroit oheyaliers esiare et sa mere istroit do saa . . .
338—591.
Perchevals Auszug, Tod seiner Matter. Bei Chrest ist. die Erzählong umständlicher als' bei Wolfram, obwohl in den Hauptzügen ganz dieselbe; der einzige Unterschied ist der, daß die Mutter den Percheval über das üii-> glück seiner Familie ziemlicfi lange belehrt, während Wolfram kurz sagt: ein dinfürste Turkentdla den tSt von einer hende (Lähelins) enphimw. Als genau übereinstimmend in beiden Erzählungen hebe ich folgendes hervor:
125, 29. er huop sich gein der muoter 338. et li ralles ne s'est pas fiuns
widr.
126, l.siner werte si s6 sere erschrac, daz si unversunnen Tor im lao.
9. muoter, ich sach Tier man noch liehter danne got getan.'
127, 1. diu frowe nam ein sactuoch: si sneit im hemde unde bruoch,
daz doch an eime stücke erschein . • 5. ein gugel man ebene drufe rant.
127, 7. al frisch rüch kelberin Yon einer hüt zwei ribbalin nach sinen beinen wart gesnitn.
13. 'dune seit niht hinnen kSren, ich wil dich list 6 Idren.'
de repairieir a son menoir.
377. la mere se pasme a ce mot quant cheyalier nomer li ot.
367. 'quil sont plus bei, si con ie onil» que dex ne que si ang^ tuit.'
464. et si li aparoiller Tient de chenoTaz grosse chemise et braies fiutes a la goise de Gualois, o Ten fiüt ensanUe braies et chauces, ce me sanble; - et si ot cote et chaperon.
568. a la maniere et a la gviie de Gualois fh apparoillies ; uns rerelins ot an ses pies.
493. „biaux fils un san tos toU apaore."
WOLFRAM VON E8CBCNBACH OND CHRESTUaVS DE TBOTZS.
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2 1 /op dich ein grk wiser man zuht wil 16rn als er wol kan. dem soltu gerne Tolgen, und wis im niht erbolgen.*
25. 'sun \k dir berolhen sin, sri du guotes wfbes fingerlin mflgest erwerben und ir gmoz, dax nim : ez tuot dir kumbcrs buoz. du tolt xir küsse gaben, und ir 11p vast urobef^ben :
128, 1. das git g^lQeke unde höben muot, op si kiuiohe ist unde gnoi.'
16 fron Herzelojde in kuste und lief im
nAeh.
1 28, 20. 66 riel diu frouwe ralsches laz df die erde, ald4 »i jAmer sneit b6 das M ein sterben niht rermeit.
129,6—138,9.
529. „biaux fils a prodomes partes et conpaignie lor tenez ; prodome na foroonsoille mie ces qui tienent sa oonpaignie."
512. „de pucele a moult, q[ui la baise, se lo baisier vos en consent ; lo soreplns tos en deilkni, se laissier lo Toles por moi ; mais s'ele a agnel en son doi DU eeinture ou aumonlere, se par amor ou par proiere la TOS done, moult en est bei se TOS enportes son aneL**
580. plorant lo baise au departir • la mere qui moult chier TaToit.
588. si se retome et Toit cbaue sa mere au chief do pont ariere, et git pasmee en tel meniere con 8*ele ftist chaoite morte.
592—796.
Die Dame im Zelte and ParzivaU erstes Abenteuer. Die Kamen : Je- schote ond Orilos begegnen bei Cbrestiens nicht Erst später erfahren wir, daft der Ritter li orpueiUeus heiOt :
129, 5. 66 kert der knabe wol getAn gein dem forest in PrizliAn.
14. er beleip die naht swier mohte, uns im der liebte tag erschein.
18. di was anderhalp der plin mit eime geselt gehöret, gr6s richeit dran gehöret ; Ton drier Tarwe samit es was h^h unde w!t : df den naten tilgen borten guot. di hienc ein liderin huot, den man drfiber sieben solte immer swenae ez regenen wolte.
27. dnc Orilos' de Laiander des w^ dorl ond« Toodor
592. et eil sille de sa reorte son chaceor par mi la erope, et eil s*en Ta qui pas ne sope, ains Ten porte grant aleure parmi la grant foret oscore.
599. en la fbrei cele nuit iut, taot que li dert iors appamt.
604. .-. . il Tit an tref tendu en une praerie bele lez lo sort d*une fontenele, li tres fu gens a grant menreille ; Tune partie ta Termoille et l'autre fti d*or tn doree. desus ot une aigle doree en Taigle feroit li solaus qui moult estoü clers et Tennaot, et relnisoient toit li pre de ranlominemant doo tre.
631. a Bu lo tref on lit coTert d*ooe teote de patle i Toli;
86
ALFRED ROCHAT
ligende wttnnecliche . . . diu frouwe was entslafen.
131, 11. diu frouwe lüte klagte: ern ruochte waz si sagte, ir munt er an den sinen twanc. da nach was do niht ze lanc, er druct an sich die herzogin und nam ir och ein vingerlin. an ir hemde ein fiirspan er da sach ungefuoge erz dannen brach, diu frouwe was mit wibes wer : ir was sin kraft ein ganzez her ; doch wart da ringens yil getan.
131, 23. der knappe klagte*n hunger
san . . .
132. ern ruochte w4 diu wirtin saz: einen guoten kröpf er az, darnach er swsre trünke trank.
132, 9. iedoch sprach diu herzogin
el lit une dame gisoit qui estoit iqui endormie.
653. la pucele de paor tranble por le vallet qui fol li sanble . . . „valles, fait-ele, tien ta roie, fui que mes amis ne te roie** 'ains Yos baiserai par mon chief^ fait